Regiomusik das Musikportal: Gesehen: Mutter im Wild at Heart


14.08.2008  Berlin

Gesehen: Mutter im Wild at Heart



Mutter

„Der Krieg ist vorbei/ ein neuer beginnt.“ Mutter

 

Deutschlands unpeinlichste existierende Rockband haben im Wild at Heart gespielt. Klar, wenn man von Mutter erzählt, dann kennt niemand Mutter. Das ist traurig, denn es zeigt, wie wenig Chancen Bands haben, die eigenständig auf Grund ihrer Besetzung und ihres Sounds sind und die sich von niemanden etwas sagen lassen. Über Mutter gibt es einen sehenswerten Dokumentarfilm namens „Wir waren niemals hier“.

 

Das Wild at Heart liegt im Herzen von Kreuzberg und ist eines der Überbleibsel aus der wilden Punkzeit der Vorwendejahre. Fast täglich finden hier Konzerte mit Punk-, Hardcore-, Surf- und Rock’n’Roll-Bands statt. Der Sound ist meistens nach einer Weile O.K., der Konzertraum ist klein, es gibt eine lange Bar und Stühle und Tische im Freien, an denen man sitzen und über vergangene Zeiten reden kann. Von den Wänden schimmern Karo-Asse und amerikanische Autoschilder, die Klos werden durch die größte Ansammlung an Bandaufklebern zusammengehalten, die es in Berlin zu finden gibt. Die Barmänner und -frauen tragen Tattoos und Iros, am Einlass gibt es immer einen Rausschmeißer, der die Taschen kontrolliert und ungebetene Gäste entfernt. Es ist immer voll und es gibt unter anderem das gute alte Flensburger zu trinken.

Die Band – seit dem Ausstieg von Frank Behnke in veränderter Besetzung – beginnt den Auftritt mit ihren langsamen Songs. Überhaupt – man mag es kaum für möglich halten – gibt es vor allem alte und bekannte Sachen zu hören. Mutter sind dafür bekannt, dass sie das machen, was man nicht von ihnen erwartet. Sie sind eine der wenigen Bands, denen man sich nur vorsichtig und immer wieder neu nähern muss. Das Publikum ist zahlreich und intellektuell angehaucht und doch verschiedener als auf anderen Konzerten. Obwohl kaum Platz zum Stehen ist, bleibt bis zum Ende des Auftritts ein schmaler Gang vor der Bühne frei, so als möchte jeder ein Stück Distanz zu dieser Band wahren. Die brachialen Sounds erfüllen den Raum, der Gitarrist hängt lange auf einem Akkord, der Schlagzeuger wirft seinen Körper immer wieder mit den Sticks ins Schlagzeug. Der Raum ist heiß. Max Müller – der Sänger – öffnet irgendwann während des Gigs sein Hemd und dann seine Hose, er wälzt sich auf der Bühne und lässt sich fotografieren. Trotzdem bleibt alles unpeinlich und irgendwie tröstend. Wohl keine Band kann so viel Trost spenden, wie diese am heutigen Abend. Die Texte, die immer wieder in einfachen Refrains enden, sind klar, zeitgemäß und präzise. Die Sounds klingen authentisch, urban, rockend und eigenständig. Es gibt wenig, was man an einer Band sonst noch gut finden kann. Das ist tief verwurzelte, würdevolle Musik.

 

„Nur nicht wie die anderen sein.“ Mutter

 

Gunter