28.09.2009  Konstanz

Feature: Kasabian Fernab der Realität und trotzdem am Zahn der Zeit



Kasabian

Bewusstseinserweiternde Substanzen viele Musiker nehmen sie, wenige stehen dazu. Andere nehmen das damit einhergehende öffentliche Tabu, um zu kokettieren.

 

Inmitten dieses Zirkus‘ befinden sich Kasabian, welche sich mit ihrem dritten Studioalbum ‚West Ryder Pauper Lunatic Asylum‘ einer neuen Sounddimension verschrieben haben: schlagkräftige Grooves vermengt mit Samples und Krautrock-Einflüssen − und Dan The Automateur, der das Werk wie eine Hip-Hop-Platte produzierte. Kasabian brechen aus, setzen die Scheuklappen auf, ignorieren die Plattenfirma und reden sich um Kopf und Kragen: Trotzdem – oder gerade deswegen – sind sie verdammt erfolgreich.

Gut gelaunt sitzen Sergio Pizzorno und Tom Meighan auf einer der blauen Sofa-Inseln in der Sonne, richtig viel Lust scheinen sie aber trotzdem nicht zu haben über die neue Platte zu reden. Vielmehr weicht man aus, sucht neue oder eben altbewährte Gründe für das untypische Klangbild von ‚West Ryder Pauper Lunatic Asylum‘. „Sergio und ich mögen Morphin. Es lässt unsere Körper entspannen. Außerdem tranken wir viel Tee, gingen nach San Francisco und aßen Kekse“, erklärt Tom Meighan, ehe er verschmitzt festhält, dass seine Aussage eben nur ein Scherz war. Inspiration fanden sie nach eigener Aussage in der Musik der 60er, aber auch in Kunstfilmen, Western, Restaurant- und Bar-Besuchen. „Man muss einfach seine Antennen ausfahren, da kann es auch schon mal sein, dass man ein UFO oder RAF-Flugzeug auf dem Schirm hat. Wichtig ist aber, dass man überhaupt etwas empfängt“, fährt Meighan mit ironischer Stimme fort. Um ihren Ruf scheinen sie sich nicht zu scheren, brauchen sie auch nicht, solange sie solche Alben produzieren. Trotzdem fragt man sich, ob die Einwohner Leicesters alle so drauf sind.

 

 



Kasabian

Die Egos der beiden Frontmänner sind groß – so groß, dass der Ausstieg von Christopher Karloff, dem Hauptsongwriter neben Pizzorno, im Jahr 2006 für sie keinen künstlerischen Engpass darstellte. Pizzorno stellt klar: „Wir standen zu keinem Zeitpunkt vor der Frage ‚Oh, was machen wir jetzt?‘. Wenn man einem Hasen in die Falle geht, bricht man diese ja auch auf und läuft weiter.“ Die Jungs sind schlagfertig, direkt und vermeintlich Working Class. Diese Eigenschaften äußern sich vor allem, wenn man ihnen mit Kritik begegnet – und sei sie noch so vorsichtig formuliert. Darauf angesprochen, ob sich eine Band des ‚Sell-Out‘ schuldig macht, wenn sie einen Song zum Bewerben eines Produkts zur Verfügung stellt, kontert Pizzorno entschieden: „Wenn jemand auf uns zukommt und sagt, dass unser Song in 120 Ländern weltweit gespielt wird, dann denke ich mir: Verdammt nochmal, ja! Danke. Das Fernsehen kann deine Musik sogar in der verdammten Serie ‚Eastenders‘ spielen, wenn es das will. Jeder labert nur Scheiße. Ich kümmer mich nicht darum, was andere sagen, schließlich haben sie das verdammt nochmal auch gemacht! Alle – von den verdammten Radiohead zu Oasis bis hin zu den Beatles.“ Als das Angebot kam, einen Song als Jingle für die McDonalds-Werbung zur Verfügung zu stellen, herrschte trotzdem Uneinigkeit. Während Pizzorno deutlich macht, dass er von dieser Idee immer noch nichts hält, beginnt Meighan begeistert den Hook zu pfeifen und den Slogan „I‘m loving it“ vor sich her zu summen. Das, gepaart mit Pizzornos „Willy Willy Wonka“-Gesangseinlage, erweckt den Eindruck, dass man so manches eigentlich gar nicht wissen will.

 

Ines Punessen

 







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