Regiomusik das Musikportal: Nachgefragt: Weihnachtsinterview mit die Wallerts


23.12.2009  BERLIN

Nachgefragt: Weihnachtsinterview mit die Wallerts



Die Wallerts

Wie sehen die Wallerts zurzeit aus und was macht ihr in euren normalen Leben? Welche Momente waren für euch besonders prägend in eurer Bandgeschichte?

 

Fester Bestandteil der Wallerts sind Seb (Gesang und Kazoo), Robert (Kontrabass), Dawa (Akkordeon), Laui (Cajón) und Stefan (Gitarre, Mandoline). Humppa ist unser Hobby und findet nach unserem "normalen Leben" statt. Zum normalen Leben gehören Frauen, Jobs,

Kinder, Bootfahren, sowie Reiten, Schwimmen und Lesen. Ganz ehrlich!

Die prägenden Momente waren meist die Ersterfahrungen: Das erste Mal auf einer großen

Bühne stehen, das erste Mal mit Eläkeläiset oder Che Sudaka zusammen spielen, das erste Mal den Produktionsablauf einer kommerziellen Single erfahren (Wir sind Helden / Die Konkurrenz), das erste Mal Groupies ins Hotelzimmer abschleppen (das sind zwei erste Erfahrungen, Groupie und Hotelzimmer). Festivals und Radioauftritte sind immer ein

Highlight.

 

 

Wie sieht bei euch der Produktionsprozess neuer Songs aus? Geschieht die Ideenfindung im Vollrausch oder versucht ihr euch konzentriert damit auseinanderzusetzen?

 

Dafür gibt es keinen geregelten Prozessablauf. Aktuell brisante Themen geben genauso Anlass wie eine Schnapsidee, einen bestimmten Song in die "Wallertsche Wertschöpfungskette" einzugliedern. Meist haben wir einen Song im Visier, den wir für

humppawürdig befinden. Dazu werden dann Akkorde gesucht, die Tonhöhe für Seb, unseren Sänger, angepasst, eine möglichst lustige und einprägsame Refrainzeile entwickelt und drumherum ein Text gesponnen. Natürlich vertiefen wir uns in die jeweilige Thematik - wie zum Beispiel beim Song "Uwe Uwe". Er handelt von Vornamen, die die Welt nicht braucht und ist mitunter sehr tiefsinnig: Auch Boygroupsängernamen werden gerne eingeschleust,

die Chancen stehen nicht schlecht, dass der nächste Kanzler Justin heißt. Soviel dazu.

 

 

Eure Texte greifen viele berlintypische Themen und Diskurse auf, sei es der Baumhauskampf, der Spätverkauf oder der Alkoholismus unter Jugendlichen. Eigentlich müsstet ihr doch bei „be Berlin“ als Vorzeigeband mitmachen oder vom Goetheinstitut

gesponsert durch die Welt reisen... oder etwa nicht? Wie lustig oder ernst ist das alles

gemeint und was bedeuten euch die Texte?

 

Die Texte bedeuten uns sehr viel und sind meist, trotz Zynik und Ironie, ernst gemeint. Jeder von uns hat Ideen und bringt diese mit ein und natürlich bleibt eine Heimatprägung nicht aus, immerhin sind wir allesamt waschechte Berliner. Kampagnen unterwerfen wir uns allerdings nicht mit aller Macht, janz im Jegenteil, wir verwurschteln sie und nutzen ihre Publicity zu unserem eigenen Vorteil. Man suche nach "Be Berlin" in der Google-Bildersuche, dort spielen wir ganz vorne mit. Auch bei ernsten Themen versuchen wir möglichst einen lustigen Aufhänger zu finden, der Tag ist oft ernst genug und wir haben auch keinen Bedarf, den Zeigefinger zu heben oder die Welt mit bösem Blick zu beäugen. Das muss jeder für

sich selbst entscheiden, wir können maximal Inspiration für (selbst-)kritische Gedanken sein.

 

 

Neben eurer Musik fließt viel Arbeit in eure Webseiten und euer Merchandising, denn all das ist sehr liebevoll designt. Welche Gedanken macht ihr euch über diesen Teil der Band und wie entstehen die Sachen?

 

Wir nutzen die Möglichkeiten, die uns die moderne Technik bietet, probieren vieles aus und finden auch nicht alles gut. Doch sind die Vorteile von Myspace, Youtube & Co nicht von der Hand zu weisen. Dabei suchen wir allerdings nach wie vor den perönlichen Kontakt und sehen von standartisierten Massenmailings ab. Beispielsweise haben wir uns einen Twitteraccount zugelegt - zur Fête de la musique konnten wir so per Mobiltelefon unseren genauen Standort angeben und es kamen sogar zwei, drei Fans deswegen. Für 2010 haben

wir uns vorgenommen, diese Zahl zu verdoppeln. Es sei aber nochmals betont: Wir sind eine Liveband und keine Web-Zwei-Null-Erscheinung, die sich ausschließlich auf den Dominoeffekt von viralem Marketing verlässt, wir verlassen uns auch auf umständlich formulierte und hochgestochene Antworten.

Der Internettauftritt, das Grafikdesign und unsere ständige Vertretung im Web entstehen bandintern und werden auch von uns stets gehegt und gepflegt. Darauf legen wir großen Wert. Wozu hat man einen Grafik- und Webdesigner, einen Fotografen, einen Dachdecker,

einen Marketingexperten und einen belesenen Germanisten in der Band?

 

 

„Coverbands ist die Zukunft“ lautete der Titel einer Platte von Chefdenker. Wie ist euer Verhältnis zu Coversongs?

 

Wir verstehen uns nicht als Coverband. Natürlich nutzen wir vorhandenes Liedgut und Arrangements. Aber der wichtigste Teil eines Songs neben einer einprägsamen Melodie, der Text, entspringt schließlich unserer Feder. Jeder Song ist unser Baby, mal mehr und mal weniger geliebt. Einige Songs verschwinden auch auf mysteriöse Art und Weise in der

Babyklappe. Bis auf "Die Allerschürfste" von den Ärzten und "Fischauge" von Motormuschi (ja, die heißen wirklich so) haben wir keine weiteren adoptierten oder Pflegekinder in der Familie Wallert. Trotzdem können wir angehenden Musikern nur empfehlen, Songs zu covern. Der Lerneffekt ist unheimlich groß, weil man schnell begreift, dass man aus drei Akkorden doch eine unglaubliche Menge Potential schöpfen kann.

 

 

Ich kenne euch jetzt schon eine Weile und erinnere mich an Straßenauftritte oder als Vorband von Eläkeläiset. Wie schwer ist es für euch, professioneller zu werden? Welche Kämpfe hat man auf dem Weg von der Spaßcombo zur Band auf großen Bühnen

durchzustehen?

 

Nach wie vor spielen wir gern auf der Straße, das macht einfach Spaß und ist sehr unkompliziert. Der Weg auf die Bühne ist natürlich kein Zuckerschlecken, bringt aber auch eine Menge Spaß mit sich. Wir mussten Tontechnikergebärdensprache lernen, uns um gute Abnahmesysteme für unsere Instrumente kümmern und lernen, beim Soundcheck nicht durcheinander zu quatschen. Es fordert viel Kozentration, den Anforderungen einer großen Bühne gerecht zu werden. Außerdem erhöht sich mit der Bekanntheit auch der

administrative Anteil des Musiklebens. Anfragen, Terminierung, Merchandisewünsche, Liebesbriefe. All das ist uns sehr wichtig und um so mehr tut es uns leid, wenn wir manchmal einfach zu verpeilt sind, zügig zu antworten. Wir sind halt eine Jungsband, die

manchmal auch noch andere Dinge im Kopf hat.

 

 

Mit welchen Gefühlen zieht ihr zurzeit von Bühne zu Bühne durch die Welt?

 

Das ist sehr gemischt. Oft wissen wir gar nicht, was uns erwartet. Manchmal gibt es Brot und Wasser, manchmal Hausmannskost vom Chef, eine vorbildliche

Übernachtungsmöglichkeit und Erste-Klasse-Premium-Pils. Das Publikum ist auch sehr verschieden, so gesellen sich zu wild tanzenden Punks pogende Teenies, schmunzelnde Bionadetrinker, mitwippende Genderstudies-Studenten oder einfach nur Jungs und Mädels, die einen schönen Abend verbringen wollen und sich nicht einzig und allein auf die Wirkung des Alkohols verlassen. Es ist immer wieder erstaunlich, wir groß die Bandbreite an Humppajüngern sein kann. Jede Facette hat ihren eigenen Charme. An dieser Stelle möchten wir uns auch bei all den Fans bedanken, die uns treu die Stange halten und nur

wenige Konzerte verpassen. Vielen Dank!

 

 

Wie erlebt ihr eure Vorbilder Eläkeläiset? Wie ist die Verbindung zu euch zustande gekommen?

 

Eläkeläiset. Diese Band nutzt ihre Tourzeit, mal ordentlich die Leber zu kraulen. Ganz ehrlich, wir könnten in diesem Zustand nicht mehr spielen. Respekt trifft Sorge. Aber die Herren sind sehr nett und es ist immer ein großer Spaß, ihnen den ein oder anderen Schluck Wodka zu mopsen und in einer Mischung aus Finnisch, Deutsch und Englisch mit ihnen zu

philosophieren.

Der Kontakt kam wie viele unserer Verbindungen über das berühmte Vitamin B zu Stande. Mittlerweile haben wir einen ganz guten Draht zum Booker in Berlin, Stefan Grey von Greyzone Concerts. Außerdem sind wir oft bereit, für unser Ziel zu nerven. Da kommen

unzählige Telefonate, Mails und Klingelstreiche zusammen.

 

 

War und ist euch eigentlich bewusst, das Humppa-Musik traditionelle finnische Volksmusik ist? Gibt es da etwas, was euch interessiert? Welche musikalischen Einflüsse habt ihr sonst noch?

 

Humppa ist eine urfinnische Sache. Importiert hat es unser treuer Freund und mitbegründer SPU Pate, seines Zeichens DJ für Balkan, Ska und Worldmusic. Ansich ist Humppa in Finnland nicht großartig populär und eher eine Rentnermusik ähnlich dem Schlager und der

Volksmusik in Deutschland, daher auch der Name Eläkeläiset (finnisch: Die Rentner).

Unsere und deren Variante ist quasi eine Art Neo-Humppa und lässt sich am Besten als Mischung aus Polka und Ska beschreiben. Mit finnischen Texten klingt die Musik für uns Deutsche generell lustig. Wir müssen mit unserer Sprache inhaltlich vorlegen, um diesen Witz zu erzeugen. Unsere Einflüsse sind sehr weitreichend, wie unsere Ausflüsse. Jeder verhumppate Song bringt sich mit ein, ansonsten steuert jeder Wallert seinen persönlichen Musikgeschmack mit bei und das sind bei 5 Bandmitgliedern sehr viele.

 

 

Welche Zukunft möchtet ihr?

 

Wir sind vom Spaß getrieben. Uns ist wichtig, dass der Spaß erhalten bleibt, würden aber lügen, wenn wir nicht vorhätten, Humppa gesellschaftsfähig zu machen. Wir sind alsMusiker lang genug dabei, um den Traum von der Musikkarriere in realistischen Bahnen zu

träumen. Allerdings wäre eine ordentliche Bookingagentur, die uns einigen Stress abnimmt

zukünftig sehr angenehm. Ein Plattenvertrag wäre auch nicht schlecht.

 

 

Humppa tai kuole!

 

 

Fragen von Gunter

 

www.diewallerts.de

www.myspace.com/diewallerts







Mehr zum Thema

23.12.2009 BERLIN

Nachgefragt: Weihnachtsinterview mit die Wallerts

Wie sehen die Wallerts zurzeit aus und was macht ihr in euren normalen Leben?... mehr lesen