20.04.2009  Argentinien

Nachgefragt: Ingo / Sabbel Fanzine/ depraved & devilish Records



Ingo

Ingo hat über einen langen Zeitraum das "Sabbel"-Fanzine herausgegeben, welches sich mit Punk und HC rund um den Globus und vor allem aus 3.-Welt-Ländern beschäftigt hat. Dazu hat er einige Platten mit südamerikanischen Bands veröffentlicht. Und jetzt: das Interview:

 

 

 

Es ist ja jetzt doch schon wieder eine Weile her, seitdem dein letztes Sabbel erschienen ist mit der mehr oder weniger klaren Ankündigung, dass die Nummer 14 die letzte Ausgabe sein werde. Wie geht es dir jetzt? Wie sieht dein Leben zurzeit aus?

 

Hallo allerseits, ich stelle mich mal kurz vor, damit die Leser, die mich nicht kennen – und davon gibt es wahrscheinlich mehr als genug – auch etwas von diesem Interview haben und sich in etwa ein Bild machen können, wer hier überhaupt plappert. Also, Name Ingo, Alter Ü-30 und gelernter Mediengestalter... dann aber umgeschult zum Ethnologen mit amtlichen Uni-Abschlusszeugnis. Seit etlichen Jahren aktiv in der Punk- und Hardcore-Szene (vorwiegend in Süddeutschland). Aktivitäten: u.a. Fanzine (Sabbel und Plastic Bomb und diverse Beiträge für alle möglichen Leute), Label (Depraved & Devilish Records), Radioshow (Bebe y Lucha auf ww.rdl.de), Konzertveranstalter, Tourfritze und so weiter. Passionierter Sammler von Punkrock/Hardcore aus Lateinamerika, Asien, Osteuropa und Afrika. Darüber hinaus Weltenbummler und Punkrock-Globetrotter. Das sind so mal eben die groben Fakten. Alles weitere gerne im persönlichen Kontakt.

Aber zurück zu deinen Fragen: Ich habe vor ein paar Monaten mein Studium beendet und bin direkt aus Deutschland abgehauen, um in Südamerika einen Neustart zu versuchen. Ich war allerdings auch noch ein paar Monate auf Reisen und habe erst dann versucht mein Leben in Buenos Aires aufzubauen, was sich allerdings als nicht besonders einfach herausstellte. Ich bin durch diverse persönliche Krisen gewandelt und habe auch ganz schön viel Frust aufgebaut. (Näheres dazu gibt’s in der aktuellen Ausgabe des Plastic Bombs (# 66)zu lesen). Mittlerweile habe ich mich allerdings wieder etwas gefangen und bemühe mich derzeit um ein Stipendium, um in Buenos Aires eine ethnologische Forschung zu transnationalen Freundschaftsnetzwerken durchführen zu können. Das heißt ich lese derzeit viele wissenschaftliche Bücher, recherchiere im Internet und schreibe an einem Forschungsexposé. Ich kann mich wirklich gut mit dem Job des forschenden Ethnologen identifizieren und habe tatsächlich Bock darauf in dieser Richtung weiter zu arbeiten und vor allem meinen Lebensmittelpunkt nach Buenos Aires zu verlagern... wahrscheinlich nicht für immer, aber für eine gewisse Zeit auf alle Fälle. Mir geht es also ziemlich gut, ich kann nicht klagen!

 

 

Sowohl das Vor- als auch das Nachwort deiner letzten Ausgabe klangen für mich desillusioniert und ein wenig ratlos. Als Ausweg erschien dir der Weg weg aus deiner Heimat und du bist ja jetzt schon eine Weile in Südamerika. Erfüllt dieser neue Weg deine Hoffnungen? Ist eine Reise nicht immer auch eine Flucht?

 

Ja, du hast schon recht, wenn ich mir die angesprochenen Artikel so ansehe, dann kommt da schon einiges an Desillusion und Ratlosigkeit herüber. Eigentlich bin ich ein eher positiver und fröhlicher Mensch, der weniger dazu tendiert in Depressionen zu versinken oder rumzujammern. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass man immer dann zum Stift greift, wenn es einem ohnehin schlecht geht und wenn man dann, in seinem selbstmitleidigem Gebrüte auch noch etwa bedeutsames mitteilen möchte. Aber mal im Ernst. Ich habe tatsächlich das Problem, dass ich – grüble ich zu viel über unsere Gesellschaftsform, die politischen Zustände, etc. nach – zu Resignation, Desillusion und Ratlosigkeit neige. Allerdings nicht in einer passiven und depressiven Art, sondern in einer aggressiv und wütende Weise, die mich einfach zu noch mehr Hass auf die bestehenden Zustände antreibt. Ich flüchte mich also nicht in Drogen, Alkohol und Selbstmitleid sondern versuche – ohne dabei ein Magengeschwür zu bekommen – mich gegen diese Zustände aufzulehnen, etwas zu verstehen und dadurch auch zu verändern. Insbesondere das gesellschaftliche Leben in Deutschland, dass mich ja seit nunmehr 30 Jahren umringt und dessen ekelerregenden Debatten, Diskurse und Lügen mich immer wieder auf die Palme bringen, stößt mir besonders sauer auf. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass ich einfach mal weg musste, um nicht als totaler Choleriker zu enden, der nur noch vor sich hin schimpft und sich irgendwann von seiner eigenen Ohnmacht auf's Kreuz nageln lässt. Ich hatte einfach das Bedürfnis eine andere Realität zu erleben, als ständig nur die deutsche Normalität. Na klar ist das eine Art Flucht! Aber dazu muss ich sagen, dass ich mich durch meine Reisen ohnehin von Deutschland distanziert haben. Durch die tiefen Einblicke in fremde Kulturen und Lebensweisen ist eine jede Rückkehr nach Deutschland mit einem krassen Gefühl der Entfremdung verbunden. Nach jeder Reise konnte ich einfach noch weniger mit der deutschen Mentalität umgehen und noch weniger Verständnis für die politischen Zustände und Debatten empfinden. Über die Zeit hat sich für mich einfach ein Gefühlszustand entwickelt, der dafür sorgt, dass ich mir in Deutschland fremd, unverstanden und isoliert vorkomme. Deswegen ist es für mich nur logisch, dass ich, wenn ich mich sogar in Deutschland fremd fühle, auch in andere Länder ziehen kann, um mich dort umzusehen. Darin sehe ich weniger die Erfüllung von Träumen, denn mir ist bewusst, dass in jedem Land die Scheiße regiert... aber es macht einfach mehr Spaß in anderer Scheiße herumzukrebsen, als ständig in der ewig gleichen. Es ist einfach das Abenteuer und die Neugierde, die mich lockt.

Ich muss dazu auch noch sagen, dass ich irgendwann einfach die Schnauze voll hatte von dem kleinstädtischen Muff in Freiburg. Es war einfach Zeit für eine neue Stadt... und bevor ich nach Berlin oder in eine andere der tristen Schrottstädte in Deutschland ziehe, habe ich mich lieber für eine interessante Stadt mit einem vorteilhaften Klima entschieden. Ich verstehe mich irgendwie als Kosmopolit, auch wenn der Begriff verschieden ausgelegt wird und unterschiedlich interpretiert wird. Für mich gehört zu meiner Lebensmaxime einfach dazu „weltwärts“ gewandt zu sein, was für mich gleichzeitig auch bedeutet, auch mal in anderen Zusammenhängen gelebt zu haben. Deswegen also hänge ich derzeit in Buenos Aires herum... ein Perspektivenwechsel eben! Wie lange ich hier bleibe, kann ich dabei aber gar nicht genau sagen... mich zieht es immer weiter und in die Ferne.

 

 

Das Sabbel-Fanzine hat sich ebenso wie dein depraved & devilish Label immer mit Bands aus Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ beschäftigt. Wie bist du dazu gekommen?

 

Ich glaube es gab keinen tatsächlichen Knackpunkt an welchem ich angefangen habe mich für Bands aus anderen Ländern zu interessieren. Ich war schon früher oft in Frankreich und in der Schweiz auf Konzerten und habe es genossen in einer Punkszene unterwegs zu sein, die mir unbekannt war und die ich dadurch als irgendwie anders empfunden habe. Für mich hat das Fremde mehr Reiz, als Unbehagen.

Ich denke irgendwann war ich auch einfach ein wenig gelangweilt von deutscher und englischer Sprache, die dir aus den ganzen Punkrocksongs entgegen plärrt... es fasziniert mich bis zum heutigen Tage, dass ich Punksongs in fremden Sprachen anhören kann, von denen ich kein einziges Wort verstehe, aber trotzdem das Gefühl, welches hinter dem Lied steckt, einfach nachempfinden kann. Das finde ich wahnsinnig cool und vor allem auch in der Hinsicht interessant, weil sich Punk auf globaler Ebene genau über diese Eigenschaft verbreiten konnte! Die Wut ist einfach unabhängig von der Sprache zu verstehen – und zwar ganz deutlich!

Abgesehen davon bin ich einfach ein neugieriger Mensch und ich konnte noch nie verstehen, wie man sich in seinem Musikkonsum derart beschränken kann, dass man völlig überbewertete Idiotenbands, wie Dropkick Murpheys oder Against Me, für die Krönung der Schöpfung hält. Ich liebe nun einmal Punk- und Hardcore-Musik und möchte davon natürlich auch die totale Bandbreite mitnehmen. Wenn man seinen Horizont auf die globale Szene erweitert, dann gibt es einfach noch viel mehr zu entdecken, als wenn man nur in den Plastic Bomb Katalog oder auf die Green Hell Homepage starrt.

Und noch ein Grund: Ist es nicht so, dass die ignorante europäische und US-amerikanische Gesellschaft so tut, als gäbe es außer ihrem eigenen Kulturschaffen, auf der Welt nur primitive und lächerliche Kulturversuche? Wieso sollte dann ausgerechnet in der Punkszene, die sich als Auflehnung gegen die gesellschaftlichen Normen versteht, genau der selbe Fehler begangen werden und die Konzentration auf westlichen Bands liegen? Eben! Allerdings ist in dieser Hinsicht noch viel Arbeit zu leisten, bis außereuropäische Bands eben nicht nur als „exotische Kracher“ sondern als ebenbürtiger und eigenständiger Teil einer globalen Szene empfunden werden. Meinen Musikkonsum verstehe ich somit – in überspitzter Formulierung – als politisches Statement gegen den Eurozentrismus in der Punkszene.

 

 

Auf deinen Reisen bist du viel herum gekommen. Was war der Ort, der dich am meisten beeindruckt hat und warum?

 

Natürlich hat mich jeder Ort, den ich besucht habe sehr geprägt und es ist wirklich schwierig zu sagen, welcher mich am meisten beeindruckt hat. Mit Sicherheit ist Lima, die Hauptstadt Perus, ein zentraler Ort, weil es einfach das erste außereuropäische Ziel war, an welchem ich mich mit Punks herumgetrieben habe. Damals hat sich für mich einfach eine neue Welt eröffnet, in der plötzlich die unterschiedlichsten Eindrücke auf mich einprasselten, die mich sowohl verängstigten als auch faszinierten. Ich kam mir eigentlich die ganze Zeit vor, als würde ich neben mir stehen und mein eigenes Leben als Film betrachten. Es war beängstigend, wahnsinnig und herrlich zugleich. Gleichzeitig war es für mich auch die erste Auseinandersetzung bzw. Begegnung mit extremer Armut und einer wirklich gefährlichen Stadt. Lima ist daher für immer als etwas besonderes in meinem Gehirn gespeichert. Ich denke trotzdem, dass der Ort bzw. das Land,welches mich am meisten beeindruckt hat Mauretanien war. Nicht weil Mauretanien besonders schön oder bezaubernd ist (obwohl die Sahara natürlich wunderschön ist). Aber Mauretanien hat mich aus einem anderen Grund berührt: Ich bin in diesem Land so dicht mit der Hoffnungslosigkeit in Berührung gekommen und habe eine derartige Perspektivlosigkeit gesehen, gespürt und erlebt, dass sich mein Weltbild für immer verschoben hat. Seit dem kann ich die Teilnahmslosigkeit, Ignoranz und das Desinteresse der europäischen Gesellschaft gegenüber dem Elend in der Welt überhaupt nicht mehr ertragen. Vielleicht liegt es daran, dass Mauretanien von Europa aus ganz einfach mit dem Auto zu erreichen ist und es dadurch einfach offensichtlicher wird, dass der ganze Horror der in dieser Welt vor sich geht eben nicht am Arsch der Welt stattfindet, sondern direkt vor deiner Haustür. Mauretanien ist ein Land in welchem man seine Augen nicht vor den Problemen verschließen kann und in dem man auch als Tourist nicht einfach sein Augenmerk auf Baudenkmäler, Naturschauspiele oder inszenierte Kultur richten kann. Es ist ein Land, welches dich voll und ganz mit all seiner trüben Realität umschließt und dich mit seiner lähmenden Hoffnungslosigkeit anzustecken scheint. Es ist ein schrecklich deprimierender Ort, der mich, jedes mal, wenn ich die Erinnerungen wieder in mir hochkommen lasse, dazu ermutigt Dinge zu verändern und den Zustand dieser Welt in Frage zu stellen.

 

 

Als einen weiteren wichtigen Themenschwerpunkt empfand ich immer die anarchistische Grundeinstellung, die du vertreten hast. Wie definierst du „Anarchismus“ und was bedeutet er für dich?

 

Ich definiere Anarchismus wahrscheinlich sehr persönlich, gleichzeitig aber auch sehr gemeingültig. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch mit dem gleichen Recht und Anspruch auf Freiheit und Glück geboren ist, ganz unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seinem Geschlecht, etc. Ich sehe die Gewährleistung für Glück und Freiheit insbesondere dort gefährdet, wo sich Hierarchien bilden und Menschen gegenüber anderen Menschen Macht ausüben. Deswegen bedeutet Anarchismus für mich insbesondere jegliche Form von Hierarchie in Frage zu stellen und bestehende Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Ziel dieser Bestrebungen ist es eine Gesellschaftsform anzustreben, in welcher jedem Individuum das größtmögliche Maß an Freiheit und Glück zugesichert ist. Im Gegensatz zu den Demokraten glaube ich allerdings nicht daran, dass diese gesellschaftliche Organisation von einer bürokratischen Institution wie dem Staat hergestellt oder garantiert werden sollte, sondern durch freiwillige Selbstorganisation. Natürlich ist mir bewusst, dass wir meilenweit von einer solchen Gesellschaftsform entfernt sind, nichtsdestotrotz finde ich es wichtig einer sehr radikalen Utopie zu folgen, um die globale Gesellschaft aus ihrem jetzigen Zustand zu befreien und in eine bessere Zukunft zu lenken. Ich glaube daran, dass eine solche Veränderung (manche nennen es Fortschritt) nur mit revolutionären Methoden erreichbar bzw. schnell voran zu treiben ist. Ich rede allerdings nicht von bewaffnetem Kampf, Blutvergießen und Terrorismus, sondern von revolutionären Entwicklungen auf allen Ebenen des menschlichen Zusammenlebens (inklusive Wissenschaft, Wirtschaftsordnung, Konsum, Kunst, Philosophie, Technik, Sprache, etc.). Das Problem dabei ist, dass die Zustände, welche in den meisten Gesellschaften herrschen, revolutionärem Denken wenig Raum zur Entfaltung bieten, bzw. dass diese Gesellschaften revolutionäres Denken und (vor allem) Handeln geradezu unterdrücken. Gegen solche Zustände zu protestieren und vorzugehen halte ich für einen wichtigen Schritt hin zu einer befreiteren Gesellschaft.

Der Anarchismus, das muss ich noch einmal kurz deutlich machen, ist für mich also philosophisches Grundgerüst, eine Utopie und eben keine exakt durchdachte Gesellschaftsform oder Ideologie, der ich konsequent und stoisch folge. Natürlich haben anarchistische Denker wie Bakunin, Kropotkin, etc. sehr wichtige Gedanken formuliert und mich stark geprägt. Gleichzeitig halte ich aber ihre Ausführungen – insbesondere in den konkreten Ausformulierungen für die gesellschaftliche Organisation - nur bedingt anwendbar für die heutige Gesellschaftsform. Eigentlich wäre es an der Zeit einen theoretischen Bogenschlag von Bakunin/Kropotkin/Landauer zu den gesellschaftlichen Zuständen von heute zu schlagen, was vor allem bedeuten würde, die globale Vernetzung von Individuen und die historischen Erfahrungen mit dem Kommunismus zu reflektieren. Denn auch das sozialistische Prinzip gilt es aus anarchistischer Perspektive zu kritisieren und damit die unsägliche Verbundenheit der so genannten „Linken“ aufzubrechen. Auch das eigene Denken sollte immer wieder revolutioniert werden. Als kleine Anregung kann ich z.B. die Lektüre der ultra-liberalen Theoretiker Ludwig von Mises und vor allem Murray Rothbard empfehlen, die einerseits extreme Gegner der Sozialismus und Verfechter des Kapitalismus, andererseits aber große Feinde des Staates und Freunde der Freiheit sind. Gerade Rothbard kann man glatt einen kapitalistischen Anarchisten nennen... auch wieder ein interessanter Perspektivenwechsel.

 

 

Ungewöhnlich an deinem Heft war immer die Detailliertheit deiner Beschreibungen, das Interesse an Geschichte und Sozialstrukturen und der Umgang mit Sprache. Inwiefern hast du jemals darüber nachgedacht und inwieweit handelt es sich dabei um ein bewusst umgesetztes Konzept, dass sich von denen der anderen Fanzines absetzen sollte?

 

Man kann schon sagen, dass es sich dabei um ein Konzept handelt, allerdings um ein Konzept, welches auch langsam entwickelt wurde und was sich entsprechend meiner persönlichen Veränderung und Entwicklung gewandelt hat. Als ich mit dem Fanzine-Schreiben angefangen habe, da kannte ich außer der Schülerzeitung und einem kleinen, lokalen Fanzine, welches ich von einem Freund ausgeliehen bekommen hatte, überhaupt kein anderes Fanzine. Als ich dann die ersten Hefte aus ganz Deutschland in die Hände bekommen habe, schaute ich natürlich nicht schlecht und war peinlich berührt angesichts meiner ersten Gehversuche. Ich habe dann – natürlich immer ausgerichtet an anderen Heften – versucht mein eigenes Fanzine zu verbessern. Früher fand ich vor allem das PLOT sehr gut. Aber tatsächliche Vorbilder gab es für mich irgendwann auch nicht mehr... vor allem weil ich mich in vielen Fanzines, die hauptsächlich aus Selbstdarstellung und Großmaulerei bestanden, überhaupt nicht wiederfinden konnte. Meine Ansprüche entwickelten sich über den Rahmen eines „normalen“ Fanzines hinaus weiter und ich versuchte lieber mir selbst gerecht zu werden, als mich an anderen Gazetten zu orientieren. Dazu gehört einfach meine Angekotztheit von politischen und gesellschaftlichen Zuständen auch in das Fanzine einfließen zu lassen und den Horizont dahingehend zu erweitern, dass eben nicht nur Bands beworben und Anzeigen getauscht werden, sondern die Dinge einen Niederschlag im Heft finden, die mich ganz persönlich bewegen. Aber bewusst absetzten wollte ich mich von anderen Fanzines eigentlich nie. Die arrogante Pose, von Fanzineschreibern, die ihre Postille für unwiderstehlich halten, gefiel mir noch nie besonders gut. Mir war hingegen wichtig eigenständig und innovativ zu sein und nicht die üblichen Standards herunter zu schreiben. Nicht mehr, nicht weniger.

 

 

Sowohl dein Heft, als auch dein Label betreibst du als Einzelkämpfer und das eigentlich im Gegensatz zum Schlachtruf „It‘s us against the world“, dass im Vorwort des letzten Heftes auftauchte. Warum ist dir das wichtig? Gab es hier auch mal andere Ideen?

 

Kurz zu „It's us against the world“... ich lasse mich natürlich gerne zu Pathos und bedeutungsschwangerem Gelaber hinreißen und versuche immer ein Szenegefühl aufzubauen, auch wenn mir klar ist, dass es DIE Szene nicht gibt und ich nicht mit jedem Idioten ein Bier trinken möchte, der sich einen Iro auf den Kopf pflastert. Aber häufig habe ich doch das Gefühl, dass man sich mit seinen Ansichten derart im gesellschaftlichen und sozialen Abseits fühlt, dass es gut tut, wenn da jedenfalls irgendjemand sagt: „Hey, ich finde hier auch alles zum Kotzen und ich weiß, dass es da draußen noch andere Menschen gibt, denen es genau so geht!“ Einfach ein Ausdruck von: „Du bist nicht alleine mit dieser ganzen Scheiße!“

Vielleicht tendiere ich in diese Richtung, weil ich auf einem Dorf aufgewachsen bin und – ungelogen – der einzige Punk in diesem Nest war (und seit ich weg bin hat sich dort auch nie wieder jemand zum Punk entwickelt!). Deswegen habe ich mich immer irgendwie als isolierter Einzelkämpfer verstanden und es war daher immer sehr schön zu hören, dass es noch andere Menschen gibt, die mit dem ganzen Wahnsinn auch nicht klar kamen/kommen. Ich schreibe mein Fanzine eigentlich genau so, als würden es nur 14-jährige Dorfpunks in die Finger bekommen... naja, fast jedenfalls.

So, jetzt habe ich auch noch nebenher begründet, weshalb das Fanzine in Eigenregie über die Bühne ging. Da gab's einfach niemanden mit dem ich das hätte teilen können. Meine engen Freunde standen alle eher auf Kiffermusik und irgendwelchen langweiligen Krempel. Nichtsdestotrotz haben an dem Fanzine immer viele unterschiedliche Leute mitgearbeitet, Gastartikel geschrieben und mich in verschiedenen Zusammenhängen unterstützt. Ein wirklich 100% Ego-Produkt ist das Sabbel-Fanzine also nie gewesen! Aber du hast schon recht, ein wirkliches Kollektiv gab es trotzdem nicht und ich war immer der Herr mit der Schere in der Hand, der entschied, was veröffentlicht wird oder nicht. Tja, vielleicht ist es wirklich eine Schwäche von mir, dass ich anderen Leuten eine Passion und Hingabe, wie ich sie aufbringe, eher selten zutraue und mich daher gegen Zusammenarbeiten eher sträube. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass kollektive Aktivitäten sich eher verschleppen als dass die gegenseitige Hilfe zu schnelleren Ergebnissen geführt hätte. Naja, aber wenn die richtigen Leute zur richtigen Zeit da gewesen wäre, hätte es womöglich doch auch eine Gemeinschaftsproduktion werden können.

 

 

Wenn du mal auf die Anfänge deines Heftes und deiner Punkzeit zurückschaust: Was sind die grundlegenden Gedanken, die sich für dich verändert haben?

 

Hm, das ist ganz schwierig zu beantworten, da sich die Veränderungen natürlich langsam vollziehen, vieles gleich bleibt und man sich selbst ja nicht wirklich objektiv betrachten kann. Ich denke, dass sich mein politisches Verständnis sehr weiterentwickelt hat. Vor allem die ganze Schwarz/Weiss Scheiße habe ich schon lange hinter mir zurückgelassen. Es gibt in dieser Welt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen und es ärgert mich geradezu in Fanzines und Songtexten immer wieder mit den selben simplen Standard-Banalitäten abgespeist zu werden. Sowas langweilt mich einfach. Dazu gehört für mich natürlich auch Europa verstärkt zu kritisieren, anstatt ständig in die USA zu schielen und das Böse dieser Welt dort zu vermuten. Die Brutalität der europäischen Politik und vor allem die Unterstützung dieser Politik durch die ignorante europäische Gesellschaft ist für mich in den Fokus meines Interesses gerückt. Das hat sich auf alle Fälle gegenüber früher geändert! Statt mich an einfachen Parolen und Ansichten zu orientieren, hat sich eben mein politisches Verständnis erweitert. Mittlerweile kann ich absolut nicht mehr nachempfinden, wie man sich mit so billigen Ansichten überhaupt zufrieden geben kann. Die Reichen sind die bösen Kapitalisten und „wir“ hier unten sind die armen Ausgebeuteten? Das ist einfach nur lachhaft und beinhaltet darüber hinaus viele billige Gefühle, die sich zwischen Empörung, Dummheit und völkischer Solidarität zu einem ganz ungesunden Brei vermengen. Ich muss sagen, dass mich daher die antideutsche Philosophie mit ihrer Kritik an der bestehenden Linken auf jeden Fall beeindruckt und geprägt hat. Nicht unbedingt durch ihr ewiges Rumgereite auf dem Israel/Palästina Konflikt und der obsessiven und der dennoch verflachten Betrachtung desselben, sondern vielmehr durch den kritischen Ansatz, der sich gegen das SIE (die Bösen) vs. WIR (die Guten) richtet. Allerdings sind mir in dieser Sekte auch zu viele Leute unterwegs, die ihrerseits nach einfachen Antworten, klaren Grenzen und Feinden suchen. Anstatt konstruktive Kritik zu formulieren wird schon seit Jahren nur noch gedisst und Style-Posing betrieben, um die eigenen schwachen Egos aufzumöbeln. Deswegen bin ich mittlerweile sehr auf Distanz zu den so genannten Antideutschen, kann mich aber genauso wenig im altlinken Anti-Imp-Mist wiederfinden. Vielleicht hat sich insofern wenig an meiner Einstellung geändert, weil ich immer noch DAGEGEN bin; gegen jede Vereinnahmung durch Betonköpfe. PUNK bin ich eben einfach geblieben!

 

 

Nach all der Schreiberei an so vielen Heften und all den Fanzines, die du schon in den Händen hattest: Was macht denn ein gutes Fanzine aus? Welche Chancen für junge Fanzinemacher siehst du, die du vor 10 Jahren noch nicht hattest?

 

Ein gutes Fanzine zeichnet sich für mich immer noch durch HINGABE aus! Das ist eigentlich auch schon alles. Natürlich stehe ich schon auf gut recherchierte Artikel, interessante Fragestellung bei Interviews und Detailwissen, aber letztlich möchte ich ja keine schlechten Hausarbeiten aus dem Politikstudium lesen, sondern rotzige Punkerheftchen. Wenn man wirklich mit Hingabe arbeitet und in seinem Leben versucht Dinge anders zu machen und zu sehen (ein Fanzine zu schreiben ist ja schon etwas Außergewöhnliches) dann kann sich das Ergebnisse auch mit Sicherheit sehen lassen. Ganz unabhängig davon, ob es irgendwelche anderen Leute jetzt besonders toll finden oder nicht. Hinter einem Fanzine sollte immer Herzblut stecken und kein Veröffentlichungsdruck oder gar eine Deadline. Solchen Scheiß kann man den Magazinen überlassen, die es in der Punkszene natürlich auch gibt. Ich freue mich wirklich an der Vielzahl und Vielfältigkeit von Fanzines und habe gar nicht das Bedürfnis nur obergeile Hefte zu lesen. Ich mag auch trashige und schmuddelige Hefte, denn diese haben – vor allem, wenn sie in jugendlichem Eifer und Wahnsinn geschrieben sind – ihren ganz eigenen Charme. Das einzige was ich überhaupt nicht leiden kann ist lächerliches Posing! Irgendwelche Erlebnisberichte über die eigene Coolness, Muckibuden-Märchen, sexistischer Männerprotz und die Glorifizierung des eigene Drogenkonsums (siehe z.B. Christoph Parkinson) belegen für mich nur, um was für arme Würstchen es sich bei den Schreiberlingen handelt.

Die Chancen für junge Fanzinemacher sehe ich eigentlich sehr ambivalent... einerseits kauft kein Schwein kleine Fanzines, andererseits hat man aber die Möglichkeit einfach einen Blog auf die Beine zu stellen und gar keine Druckkosten mehr zu verschwenden. Andererseits wiederum liest ja wirklich kein Mensch ausführlich in Blogs herum, weshalb Papier-Fanzines durchaus ihre Berechtigung haben. Da wirkt es manchmal schwer sich gegen die alten Flaggschiffe durchzusetzen. Andererseits sind Fanzines wie Pankerknacker, Ox, Plastic Bomb, etc. derart vorhersehbar und z.T. beliebig geworden, dass man da immer noch einige Möglichkeiten hat sich zu profilieren und Dinge anders zu machen. Mit viel Hingabe und Herzblut versteht sich. Besonders viel hat sich aber in meinen Augen für die Fanzinemacher nicht verändert. Es mag zwar so sein, dass heute viel mehr übers Internet läuft, aber schon vor 10 Jahren stand man mit Fanzines in der Hand blöde auf Konzerten herum und hat sich gewundert, weshalb einem die Leute das Ding nicht wie geschnitten Brot aus der Hand reißen.

 

 

Welche Zukunft siehst du für dich?

 

Vielleicht nicht genau an dem Tag als ich 30 wurde, aber zumindest um den Dreh herum, habe ich mich tatsächlich damit auseinandergesetzt, was eigentlich aus mir werden soll. Womit ich mein Geld verdienen werde, ist dabei allerdings eher ein randständiges Thema. Ich würde gerne weiter ethnologisch forschen und noch etwas von der Welt sehen... das ist klar.

Ich habe mich vielmehr damit beschäftigt, wie ich mir meine eigene Persönlichkeit in Zukunft vorstelle und wie ich aktiv dazu beitragen kann meine Vorstellungen durchzusetzen. Mir ist eines Tages aufgefallen, dass die Lebensweisen vieler Altpunks oder Altlinker nicht meinem Idealbild einer coolen Existenz entsprechen. Ich weigere mich, mich soweit an die bürgerliche Durchschnittsexistenz anzupassen, dass ich Punk nur noch als Anekdote aus Jugendzeiten betrachte. Gleichzeitig möchte ich mich aber auch nicht erzkonservativ gegen neue Strömungen und Entwicklungen sperren und beim Feierabendbier alte Scheiben auflegen. Genauso wenig steht mir die Rolle des verbitterten Motzkopfs, der zu allen Themen nur noch zynische Kommentare absondert, ansonsten den Arsch aber nicht hoch bekommt. Auch der oberschlaue Intellektuelle, der alles besser weiß und ständig nur noch analysiert und die Konsequenzen von jeder, in einem Punkrock-Song ausgesprochenen Zeile überdenkt, möchte ich nicht werden. Und auch der misanthropische Suff- und Drogenabstieg bietet sich für mich nicht an.

Nein, ich möchte in meinem Leben einfach nicht wie ein abgestandener Witz aus alten Zeiten wirken und ich möchte auch nicht irgendwann von Jugendlichen belächelt werden, weil ich es einfach nicht sein lassen kann, mich mit jugendlichem Styling aufzupeppen. Ich möchte nicht zu einem blöden Schwätzer werden und ich möchte nicht wie ein beschissener Alt-Hippie wirken, nur weil ich mich vegan ernähre. Ich will weiterhin straight (nicht in sexueller Hinsicht zu verstehen) und aggressiv sein, nicht stehen bleiben und mich permanent weiterentwickeln, auch wenn das bedeutet, dass mich die Kids auf der Straße nicht mehr als Punk erkennen werden. Ich habe das Bedürfnis auch weiterhin frisch im Herzen zu bleiben und mich gegen Normalitäten zu stemmen. Nicht als lächerlicher Berufsjugendlicher, sondern als kritische Person, für die Punkrock mehr mit Einstellung zu tun hat, als mit Musik und Style.

 

Interview von Gunter

 

 

www.myspace.com/punkdeluxe