19.08.2008  Frankfurt

Nachgefragt: Morning Boy (Podcast)



Morning Boy

Wie sollte eine junge, aufstrebende Band auf anmaßende Vergleiche mit Placebo und Pavement reagieren? Wie Morning Boy - gelassen, diplomatisch und stets um Aufklärung bemüht. Unser Roadcrew-Mitglied Ines Punessen traf das Quartett im Nachtleben zu Frankfurt, um mit ihnen über ihre EP "For Us, The Drifters. For Them, The Bench.", die Zusammenarbeit mit dem Indie-Label Waggle-Daggle sowie den geheimnisvollen Einsatz der Bierflasche zu sprechen.

 

 





Morning Boy

RM: Der Opener eurer neuen EP "For Us, The Drifters. For Them, The Bench." heißt "All Your Sorrows". Dieser Song beginnt sehr optimistisch, gar sprunghaft und legt dann recht plötzlich durch den Einsatz des Schlagzeuges an Tempo und Impulsivität zu. Ich bin mir nicht sicher, aber verwendet ihr parallel zum Einsatz des Schlagzeuges auch Geigen?

 

Jörg: Nein, wir verwenden keine Geigen, wobei man das an dieser Stelle durchaus als solche interpretieren könnte. Was du heraushörst, ist das Feedback der Leadgitarre, das ein bisschen mitschwingt.

 

RM: Instrumental betrachtet erinnert mich "Seventh Hymn For The Lost In Details" sowie der Anfang von "Whatever" stark an Placebo. War das beabsichtigt, beziehungsweise würdet ihr Placebo als einen eurer Einflüsse bestätigen?

 

Christian: Natürlich kennen wir alle Placebo, allerdings sind wir keine allzu großen Fans dieser Band. Wir wissen jetzt auch nicht auf welche Placebo-Songs du explizit anspielst. Ein direkter Einfluss auf unsere Songs besteht daher nicht.

 

RM: Generell denke ich einfach, dass das Instrumentelle auch von ihnen stammen könnte. Vor diesem Interview habe ich noch mal alle Placebo-Alben mit Ausnahme von "Without You I'm Nothing" durchgehört und ich finde, gerade "Seventh Hymn For The Lost In Details" schlägt in die gleiche Kerbe wie die Songs "Special Needs" und "English Summer Rain".

 

Jörg: Placebo ist definitiv kein bewusster Einfluss. Was dich aber an Placebo erinnern könnte, ist die sich ähnelnde Rhythmusgitarrenarbeit bei "Whatever". Brian Molko lässt nämlich auch ganz gerne oben die Bässe stehen, wobei er unten mit dem Finger die Melodie spielt.

 

RM: Aber ich empfinde den Einfluss bei "Seventh Hymn For The Lost In Details" als sehr viel stärker.

 

Jörg: Da bin ich jetzt zu wenig Placebo-Fan, um irgendeinen Vergleich ziehen zu können.

 

RM: In diesen beiden Songs greift ihr auch auf Frauengesang zurück. Um wen handelt es sich hierbei? Es sind doch zwei unterschiedliche Frauenstimmen, oder?

 

Patrick: In "Seventh Hymn For The Lost In Details" ist es Lisa, Christians Freundin, in "Whatever" singt meine Freundin.

 

RM (zu Patrick): Deine Freundin singt wirklich sehr gut. Lisa hat ja eher einen Sprechpart.

 

Christian: Lisa hat eben eine sehr rauchige Stimme, welche dem ganzen Song noch unglaublich viel Atmosphäre verleiht.

 

RM: Auf jamendo.com habe ich die Rezension einer Französin gelesen, die den Vergleich zwischen Pavement und euch zieht. Inwiefern seht ihr denn Parallelen zwischen euren Songs und denen der Kalifornier?

 

Jörg: Ich mag Pavement, wobei ich mich mit ihnen nicht so gut auskenne. Wie sie auf den Vergleich mit Pavement kommt, darfst Du mich ehrlich gesagt nicht fragen.

 

Christian: Das ist natürlich ein riesiges Kompliment mit Pavement verglichen zu werden, allerdings können wir jeglichen Einfluss ihrerseits ausschließen. Wir hören Pavement zwar gerne, aber nicht ständig. Die Einflüsse, die man ansonsten unserem Material entnehmen kann, stammen höchstwahrscheinlich von den Bands, die wir direkt und fast täglich hören.

 

RM: Welche Assoziationen werden denn in euch wach, wenn ihr selbst den Song "Maryland" hört?

 

Arrigo: "Maryland" verbinde ich mit viel Action, Spaß, einfach mit viel Leben. Ich persönlich stufe den Song als relativ trocken ein - bis er sich gegen Ende öffnet und laut wird. Live spielen wir ihn in einer anderen, härteren Version, wobei wir ihn auch ausbauen. Ich sehe "Maryland" einfach als den perfekten Abschlusssong für unsere Konzerte. Er ist wahrscheinlich der optimale Song, um die allseits bekannte Festivalstimmung einzufangen.

 

Christian (zu RM): Welche Assoziation hast Du denn bei dem Song?

 

RM: Wenn ich diesen Song höre, sehe ich mich mit mehreren Freunden in einem Auto sitzen, auf irgendeinem Trip, vielleicht zu einem Festival oder in den Urlaub. Die Sonne geht unter, die Fenster sind heruntergekurbelt, niemand ist auf der Straße und man fährt einfach - an unzähligen Mais- und Getreidefeldern vorbei.

 

Jörg: Das hast du sehr, sehr gut erfasst!

 

RM: Welche Intention verbirgt sich hinter dem EP-Titel "For Us, The Drifters. For Them, The Bench."? Wie steht er mit den Songs im Zusammenhang?

 

Christian: Man kann den Namen der EP an sich auch ganz einfach ins Deutsche übersetzen. Was uns an diesem Titel aber unglaublich spannend erschien, ist die Weite, die seine Worte entfalten, die vielseitigen Interpretationsmöglichkeiten, die damit einher laufen. Von unserer Seite präsentiert der EP-Titel ein klares Statement. Jeder, für den die Bedeutung des Titels nicht offensichtlich ist, soll sich sein eigenes Bild machen. Unsere Songs haben alle ganz unterschiedliche Aussagen, gebündelt konnten sie jedoch nur unter dem Namen "For Us, The Drifters. For Them, The Bench." stehen.

 

Jörg: Der Titel hat etwas leicht Romantisches, repräsentiert das Treibende, das Freie. "The Bench" steht für die Richtenden. Dieser Ausdruck soll dabei aber keine Gegenposition zu uns darstellen oder gar als Abgrenzung zu den Hörern interpretiert werden. Beispielsweise könnte "The Bench" als Freihalter für Musikkritiker fungieren und somit eine Art Angriff gegen sie symbolisieren. Ein weiterer Gedanke dahinter war auch, sich als Schaffender von den Nichtschaffenden abzugrenzen.

 

RM. Ich habe es gar nicht für nötig gehalten, das Wort "Bench" nochmals nachzuschlagen ...

 

Christian: "Bench" kleingeschrieben ist die ganz gewöhnliche Parkbank, wird "bench" jedoch großgeschrieben, handelt es sich um die Gerichtsbank bzw. die Richtenden.

 



Morning Boy

RM: Ich betrachtete "The Bench", übersetzt als Parkbank, als Metapher für Stillstand, Stagnation und somit als Abwertung der Außenwelt.

 

Christian: Das trifft aber auch durchaus zu, wobei es eben keine Abwertung der Außenwelt, sondern der Richtenden ist. Die Richtenden sind diejenigen, die Urteile fällen - in welchem Maße auch immer, seien es nun künstlerische oder laienhafte Behauptungen.

 

Jörg: Die Treibenden stehen dazu in schönem Kontrast.

 

RM: Wann genau ist eure EP entstanden? Die Songs hören sich nämlich an, als hätten die Aufnahmen im Sommer stattgefunden.

 

Arrigo: Die EP war ein langwieriger Prozess. Zunächst mussten wir uns als Band finden. Was folgte, war die passende Musikrichtung und unsere eigene Ausdrucksform. In diesem Zeitraum der Selbstfindung sind dann auch die Songs für die EP entstanden. Im Herbst fanden schließlich die Studioaufnahmen statt.

 

RM: Ich finde, die Songs hören sich an, als hättet ihr die ganze Energie aus dem Sommer gezogen und in die Songs samt Aufnahmen gesteckt.

 

Jörg: Ich persönlich beabsichtigte, dass die EP so herauskommt, dass man die Songs wunderbar im Sommer hören kann. Eben für jene Leute, die dazu im Cabrio über die Landstraße brettern.

 

Christian: "For Us, The Drifters. For Them, The Bench." ist ganz bestimmt nicht nur eine Sommerplatte, sondern eine Platte, die man zu jeder Tages- und Jahreszeit hören kann. Vielleicht wird aber gerade durch die in den Songs transportierte Melancholie eine gewisse Stimmung, etwa während eines Abendrots, geweckt. Eine solche Stimmung verspürt man meist im Sommer, im Herbst ist sie gewöhnlich nicht gegeben. Man kennt ja diese Gefühlsregungen in einem ...

 

RM: Waren irgendwelche anderen Leute, etwa ein Produzent, am Entstehungsprozess der Platte beteiligt?

 

Patrick: Das Grundgerüst wurde komplett von uns geliefert. Mit dem Aufnahmeprozess hatte jedoch Jörg am meisten zu tun. Er hat die Premixes erstellt, welche wir dann extern, an einen guten Freund der Band, weitergegeben haben. Jener nahm sich dem Abschlussmixing an und hat schließlich auch die ganze Platte gemastert. An dem Song "We Came Along This Road" war noch ein Saxofonist beteiligt, der normalerweise in einer befreundeten Band spielt. Ansonsten kann ich mich nicht erinnern, dass noch jemand anderes im Studio mit dabei war.

 

Jörg: Bis auf die zwei besagten Mädels. Sicher, dass wir niemanden vergessen haben? Nicht, dass jemand einen Stein gegen die Wand geworfen hat und wir das aufgenommen haben ... Auf der Bierflasche habe ich gespielt.

 

RM: Du hast auf einer Bierflasche gespielt?

 

Jörg: Am Anfang von "Seventh Hymn For The Lost In Details" hört man am Anfang einen Einzähler - das ist eine Bierflasche.

 

RM: Ende Februar bot sich euch die Gelegenheit, The Fashion bei ihrer Show im Sinkkasten, Frankfurt zu supporten. Was konntet ihr für euch persönlich daraus mitnehmen?

 

Arrigo: Ich fand es einfach cool mit den Jungs zusammenzuspielen und das, obwohl ich sie zuvor menschlich wie musikalisch nicht kannte. Entsprechend überrascht war ich als sie dann auf der Bühne standen und ein so geniales Konzert spielten. Ich bin auf jeden Fall stolz, eine solche Band, die gerade ihren Durchbruch feiert, auf dem Weg zum Erfolg begleitet zu haben.

 

Christian: Letztendlich war es von unserem Standpunkt aus ein Konzert wie jedes andere. Eigentlich war es sogar etwas durchwachsen ... Dennoch war es definitiv ein besonderer Antrieb mit einer Band die Bühne zu teilen, die zu jener Zeit gerade auf Welttournee war.

 

RM: Seit kurzem steht ihr nun bei dem Indie-Label Waggle-Daggle unter Vertrag. Wie kam es dazu?

 

Christian: Der Ursprung von Waggle-Daggle liegt in Frankfurt und Morning Boy ist ebenfalls eine Frankfurter Band. Die Kontakte zu Waggle-Daggle stehen schon länger, einfach, weil wir schon seit geraumer Zeit mit den Betreibern dieser Plattenfirma befreundet sind. Da sie sich auch als "Family-Label" definiert und wir eben sehr gut in ihre musikalische Sparte passten, haben sie uns unter Vertrag genommen.

 

Arrigo: Es war ein längerer Prozess, der zunächst durch ein Hin und Her geprägt war. Es folgten die ersten ernsthaften Telefonate und schließlich unser Gig im Frankfurter Nachtleben, wo auch die Jungs vom Label vor Ort waren.

 

RM: Morgen (3. August 2008) spielt ihr ein akustisches Radiokonzert bei Radio Rüsselsheim. Wie kommt ihr an solche Gigs? Läuft das bereits alles über eure Plattenfirma?

 

Patrick: Wir buchen zurzeit noch selbst, wobei Christian besonders aktiv ist. Es läuft viel über persönliche Kontakte, gerade im Raum Frankfurt. So kam auch das morgige Radiokonzert zustande. Die Radiomoderatorin kennen wir noch von früher. Schlussendlich hat sie uns bei unserem Gig in Mainz darauf angesprochen, ob wir nicht Lust hätten, ein kleines Akustikset in ihrer Show zu performen.

 

Christian: Man muss natürlich hinzufügen, dass sich die Zusammenarbeit mit Waggle-Daggle noch in den Kinderfüßen befindet. Alles ist ganz frisch. Für nächstes Jahr ist aber so einiges in Planung, wobei wir auch die Möglichkeit haben vom Booking zurückzutreten, da das Ganze mit einem unglaublichen Arbeitsprozess verbunden ist und garantiert sehr anstrengend wird.

 

RM: Ihr arbeitet bereits an neuem Material, wobei auch schon die Songs "Activism" und "Airport Tragedies" entstanden sind. Wann geht's damit ins Studio?

 

Jörg: Wir sind seit zwei Wochen endlich wieder fleißig, nachdem wir ein kleines Tief überwinden mussten. Bei unserem gestrigen Konzert auf dem Burggrabenfest in Königstein haben wir auch einen neuen Song gespielt, der wirklich sehr schön ist und der auch bestimmt seinen Weg auf die neue Platte finden wird. "Activism" zählt ebenfalls zu den neueren Songs, die in eine definiertere Richtung gehen. Auf "For Us, The Drifters. For Them, The Bench." lässt sich hingegen eine etwas andere Linie erkennen. Im Oktober werden voraussichtlich Probeaufnahmen stattfinden. Wir spekulieren, das neue Material dann Ende diesen, Anfang nächsten Jahres in den Kasten zu bekommen. Dazu müssen wir natürlich noch fleißig schreiben ... Viele Ideen sind aber schon da, zwei bis drei davon sind sogar schon fast fertig umgesetzt. Im Studio passiert erwartungsgemäß sowieso noch einiges, zumal wir diesmal höchstwahrscheinlich mit einem Produzenten zusammenarbeiten werden. Das Resultat gibt's dann voraussichtlich Mitte nächsten Jahres, also wieder im Sommer. Für Ende dieses Jahres sind noch einige Kleinigkeiten, etwa eine Vorabveröffentlichung in Form einer Single, geplant.

 

RM: Ok Jungs, vielen Dank!

 

Ines Punessen

 

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