![]() I WALK Grönland Records/ Roughtrade |
Der Anfang ist oft genug Englisch, im Rock’n’Roll sowieso, aber auch bei Herbert Grönemeyer’s deutschen Alben. Wenn seine Songs entstehen, werden sie ja meistens erst mal in der Ursprache des Pop gesungen. Einen Moment lang. „Bananentexte“ nennt er diese vorläufigen Versionen, in denen die Lieder ganz von allein loserzählen. Wie Babys, die sich selbst das Sprechen beibringen. Und dazu am liebsten den Dialekt von Elvis, Beatles und Stones wählen. Bevor dann der richtige Text kommt, mit dem sie nach draußen dürfen, auf den man sie festlegen darf. Zumindest der war bisher meistens deutsch.
Aber auch nicht immer. Auf „I Walk“, dem neuen Album, singt Grönemeyer englisch – nicht zum ersten Mal, aber so wie nie zuvor. Anders als bei seinen bislang drei fremdsprachigen Platten (der Zusammenstellung „What’s All This“ sowie den komplett übertragenen Alben „Luxus“ und „Chaos“) sind unter den zwölf neuen Stücken – plus Bonustrack – auch drei Songs, die keine deutschsprachigen Pendants haben. Zudem sind Gäste dabei, die zeigen, was man auch so schon längst hätte merken können: Es gibt Wechselwirkungen zwischen dem Grönemeyer-Universum und dem internationalen Popbetrieb, sogar ziemlich heftige, elektrische.
Herbert Grönemeyer lebt seit Ende der 90er-Jahre in der Musikmetropole London. Die Spannungen und Brücken zwischen deutscher und englischer Popkultur kennt er also bestens: „In Deutschland konzentriert sich die Wahrnehmung meiner Songs stark auf die Songtexte“, hat er kürzlich im Gespräch mit dem britischen Journalisten Wyndham Wallace gesagt. „Wenn ich auf Englisch singe, blühen die Stücke ganz neu auf. Die Musik rückt in den Vordergrund, die Stimmung, die Farbe des Gesangs.“ Dass mit Alex Silva ein gebürtiger Waliser seit langen Jahren Grönemeyers engster musikalischer Partner ist, krönt die internationalen Connections
Die zwei haben auch den Grundstein für die Übertragung der Texte und Songs auf „I Walk“ gelegt. „Übersetzung“ wäre irreführend: Grönemeyer-Lyrics eins zu eins zu übersetzen, das wäre so, als wollte man ein Jackson-Pollock-Gemälde aus Zigarettenschachteln nachbauen. Wenn die Songs hier in die andere Sprache hinüberwechseln, passiert das sehr intuitiv, fließend, klangbasiert. Aus „Glück“, der Single von 2008, wird „All That I Need“, „Deine Zeit“, die anrührende Reflexion aus dem Album „Schiffsverkehr“, nennt sich nun „Before the Morning“. „Erzähl mir von morgen“ bekommt als „The Tunnel“ eine neue Perspektive. Der Klassiker „Flugzeuge im Bauch“ wurde für „I Walk“ sogar ganz neu ins Englische gebracht und eingespielt – eine erste Version von „Airplanes In My Head“ erschien schon mit anderem Text 1988 auf „What’s All This“.
Ein Highlight von „I Walk“ hat man bereits auf der Compilation „Was muss, muss“ von 2008 gehört: „Will I Ever Learn“, das Duett mit Antony Hegarty, bekannt vom Projekt Antony & The Johnsons. Zwei Stimmen, die zuerst wie Gegensätze wirken und sich in der Musik dann einfach gegenseitig beantworten, aufs Schönste. James Dean Bradfield von der bahnbrechenden Glam-Punkband Manic Street Preachers ist auf „To The Sea“ („Zum Meer“ vom „Mensch“-Album) als Gast an der Gitarre dabei. Der Bonustrack erinnert dann noch einmal an das legendäre „Deine Stimme gegen Armut“-Konzert vom G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007: Damals kam überraschend U2-Sänger und Weltstar Bono auf die Bühne, um mit Grönemeyer im Duett zu singen. Auf Deutsch, das Bono phonetisch vom Autocue sang. Für „I Walk“ haben die zwei ihr Gipfeltreffen nun noch einmal im Studio nachgespielt, dieses Mal auf Englisch. „Mensch“ heißt der Song trotzdem weiterhin. Er erzählt jetzt noch mehr.
„I Walk“ wird von Grönland Records ausser in Deutschland in Großbritannien und den Beneluxstaaten veröffentlicht, Anfang 2013 auch in den USA. Beim Auftritt im Londoner Roundhouse am 28.10.12 wird Herbert Grönemeyer sicher auch einige der Stücke singen. Weitere Auslandsauftritte sind in Planung, fest steht aber noch nichts.
Und wo liegen ansonsten die englischen Seiten im Charakter des Künstlers? „Hoffentlich in meinem Humor“, antwortet er. „Und in meiner privaten Chaostheorie.“ Vom Chaos ist auf „I Walk“ nicht viel zu hören. Dem angloamerikanischen Teil der Welt könnte dieser Grönemeyer trotzdem gefallen. Extrem gut sogar.
Quelle: Another Dimension







