19.05.2009  London

Gehört: Manic Street Preachers – „Journal for Plague Lovers“



Manic Street Preachers

Es gibt Alben, deren Einzigartigkeit auf musikalischer Brillanz beruht. Andere bestechen durch eine Stimmgewalt, die entziehen zwecklos erscheinen lässt, während wiederum andere ein Gefühl der Selbstidentifikation und Zugehörigkeit vermitteln. Manche Alben vereinen all diese Eigenschaften und wenige noch viel mehr. „Journal for Plague Lovers“, das nunmehr neunte Studio-Album der Manic Street Preachers, gehört zu letzteren. Es unternimmt eine Zeitreise in die Vergangenheit – die Vergangenheit von „The Holy Bible“ – nicht zuletzt da die Songs auf den Texten des ehemaligen Gitarristen Richey Edwards, der im Februar 1995 unter bislang ungeklärten Umständen verschwand, gründen. „The Holy Bible“ war die letzte Platte mit Edwards. Wer hätte gedacht, dass es seinen Beitrag bedarf um im Jahre 2009 nochmals in der Vergangenheit schwelgen zu können.

 

„You know so little about me. What if I turn into a werewolf or something”, sagt eine Stimme auf einem knisternden Tonband ehe das Schlagzeug einsetzt. Ein ungewöhnlicher Einstieg in eine ungewöhnliche Platte, die einen Einblick in den ungewöhnlichen Menschen Richey Edwards liefert.

 

Der Opener „Peeled Apples“ mit seinen dynamischen Gitarren und Bradfields gnadenloser Stimme schlägt einem mit voller Wucht ins Gesicht. Vorbei die Zeiten eines gemächlichen „Indian Summers“ oder des poppigen Vorgängers „Send Away the Tigers“. Es scheint als hätten die Waliser zu neuer Dynamik gefunden. Was folgt, ist das hoffnungsvoll-fröhliche „Jackie Collins Existential Question Time“, das sich Hall und Pixies laut-leise Dynamik zu eigen macht, ehe Bradfield schlussendlich seinen Emotionen freien Lauf lässt. „This Joke Sport Severed“ ist eine akustische Ballade, die aufgrund ihres voluminösen Sounds und dem Einsatz von Streichern eine bedeutende, gar magische Atmosphäre schafft. Während die Gitarren in „Journal for Plague Lovers“ stark nach Foo Fighters anno 1999 klingen, erinnert das schwerfällige Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug in „She Bathed Herself in a Bath of Bleach“ an den Alternative Rock von Black Rebel Motorcycle Club. Gleichzeitig liegt Bradfields Gefühlsausbruch im Refrain die Assoziation der jungen Nirvana nahe. „Marlon J.D.“ spielt mit der Kollision von Electro-Tunes und brachialen Gitarrenriffs und ist dabei verdammt tanzbar. Starke Post-Punk-Ambitionen hat dagegen „Virginia State Epileptic Colony“, dessen Melodie wohl auch auf Weezers grünem Album hätte zu finden sein können während Nicky Wires Stimme eine starke R.E.M. Affinität aufweist. Der letzte Track „William`s Last Words“ steht vollkommen separiert zum restlichen Album, nicht nur dadurch, da Wire den Part am Mikro nun vollständig übernimmt, sondern auch wie er ihn umsetzt. Ihm gelingt es, diesem Song eine sehr persönliche, ruhige Stimmung einzuhauchen, die das im Song geschilderte Eintreten des Morgengrauens widerspiegelt.

 

Genauso unkonventionell wie „Journal for Plague Lovers“ beginnt, kommt es auch zum Ende. Ein Hidden Track, der mit seinen exzentrischen Gitarrensolos sehr direkt und abgefahren daherkommt und mitreißt, was es noch zum Mitreißen gibt.

 

Dieses Album mag ein Stück Vergangenheitsbewältigung und Ehrerbietung gegenüber Richey Edwards sein – Tatsache ist aber, dass „alte Tugenden“ schon lange nicht mehr so frisch geklungen haben.    

 

 

 

     

Ines Punessen