01.09.2009 BERLIN
Nachgefragt: Interview mit Totally Stressed
![]() fast 4/5 Totally Stressed |
Wer gehört alles mit zu Totally Stressed und was macht ihr in euren normalen Leben?
In der Band sind wir: Michi: drums, Anne: bass, Tine: voc., git., Julle: git., Caro: viol., voc. und Magda: voc. und wir studieren oder sind in Ausbildung.
Euch gibt es jetzt 8 Jahre. Was hat die Band so lange am Leben erhalten? Was waren Höhe-, was Tiefpunkte in der Bandgeschichte?
Nachdem wir ab 2001 in der Originalbesetzung damals noch mit einer Keyboarderin zusammen erste Konzerte gaben, kam 2003 unsere Geigerin Caro dazu. Musikalisch wurden wir dadurch interessanter, weil wir rockige mit klassischen Elementen verbinden konnten. In der Folge haben wir eine Menge Konzerte gegeben und auch beim Emergenza Wettbewerb teilgenommen, wo wir knapp das Finale in der Columbia Halle verfehlten - was uns damals echt geärgert hat. 2006 verliess uns dann unsere Keyboarderin und wir wurden rockiger und experimenteller. 2007 ging unsere Bassistin für ein Jahr nach England und wir spielten im folgenden Jahr mit einem Aushilfsbassisten, wobei wir von Anfang an planten, dass wir als Band mit vorheriger Besetzung zusammenbleiben. Als unsere Sängerin 2008 für ein Jahr in die USA ging, probte Totally Stressed instrumental weiter und gab auch Konzerte. Wir mussten uns also in unserer Bandgeschichte häufiger umorientieren. Ab Mai 2009 sind wir nun wieder komplett und versuchen nun, auf Konzerten instrumentale Stücke mit Gesangsstücken abwechslungsreich zu verbinden. Da wir sehr jung angefangen haben, zusammen Musik zu machen, und viele Konzerte und Bandfahrten gemeinsam erlebt haben, sind wir über die Jahre nicht nur musikalisch sondern auch menschlich eng zusammen gewachsen. Deshalb war es sehr wichtig, dass ein Auslandsjahr eines Bandmitgliedes nicht das Ende von Totally Stressed bedeutet und dass wir mit der "Anfangsbesetzung" unbedingt weiter machen wollen, auch wenn wir dafür Durchhaltevermögen beweisen und musikalische Veränderungen vornehmen mussten.
In der Scherer 8 war deutlich zu spüren, dass ihr sehr gut zusammenspielt. Welche technischen Ansprüche habt ihr selbst an eure Musik?
Wie nehmen fast alle seit mehreren Jahren Musikunterricht, teilweise auch im Rahmen eines Studiums. Unser Anspruch besteht darin, den Spagat zwischen unkonventionellem Songwriting und einer für die Zuhörer_innen durchschaubaren Melodie und Rhythmusstruktur zu schaffen. Gleichzeitig versuchen wir immer wieder unsere handwerklichen und auch genrespezifischen Grenzen auszutesten oder zu verschieben, wie wir es kürzlich mit der Bearbeitung der Ouvertüre aus Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" getan haben. Bis auf dieses Stück haben wir allerdings lediglich Songs aus eigener Feder im Programm, wobei sich deren Länge zwischen radiotauglichen 3:30 (mit Gesang, Strophe, Bridge und Refrain) und 15 Minuten (instrumental-progressiv) bewegt und die mit Folk-, Rock-, Stoner-, Psychedelic- und orchestralen Elementen bestückt sind.
Worum geht es in euren Texten?
Unsere Texte werden fast ausschließlich von unserer Sängerin geschrieben, und entspringen demnach auch meist aus ihren Erlebnissen. Da wir als 6 Musikerinnen selbstverständlich häufig unterschiedliche Auffassungen haben, verstehen wir uns deshalb auch nicht als eine Band mit einer konkreten politischen Aussage. Die Themen sind divers; u.a. wurden schon Thematiken wie Fundamentalismus, Krieg, Abhängigkeit oder Einsamkeit behandelt.
In eurem Interview von 2006 beschreibt ihr eure Unsicherheit, wenn es auf die Bühne geht. Davon war in der Scherer 8 nichts zu spüren, im Gegenteil: Ihr ward sehr professionell. Worin denkt ihr, habt ihr euch als Band am meisten entwickelt und warum?
Nachdem wir nun schon einige Jahre Musik machen und viele tolle aber auch weniger gute Konzerte spielten, erkannten wir wohl, dass nicht immer alles glattgehen kann. Je mehr wir auch musikalisch unsere Wünsche durchsetzen konnten, wurden wir in der Konsequenz auch etwas selbstsicherer und sehen ein Konzert, was mal nicht so gut lief, wohl eher sportlich – dann müssen wir wohl mehr proben!
Vielleicht könnt ihr ein wenig über die Entstehungsprozesse von neuen Songs erzählen. Wie läuft das bei euch ab? Worüber seid ihr euch schnell einig, welche Konflikte gibt es dabei?
Es gibt nie einen völlig routinierten Ablauf beim Songwriting, in der Regel gibt es allerdings anfangs immer ein bestimmtes Gitarren-Riff, auf welches sich ein Song aufbaut. Der Song entsteht immer gemeinsam im Proberaum, wobei der Gesang immer erst als letztes dazukommt.
Bei den Künstlern die ihr mögt stehen viele ehemalige Bands aus der Ostberliner Jugendklubszene. Inwieweit seit ihr Teil dieser Szene und wie ist euer Blick auf Musik in Berlin?
Da wir nun schon sehr lange Musik machen und viele Konzerte in Berlin gespielt oder als Zuschauer_innen besucht haben, lernten wir zahlreiche Musiker_innen kennen mit denen wir eng verbunden sind. Wir selbst proben in einem Jugendklub in Lichtenberg (Klub Linse), der schon in den 90er Jahren Konzerte organisiert und Bands gefördert hat. So kamen wir mit deren Musik und auch mit einigen Musizierenden in Kontakt und auch die ein oder andere Session oder anderweitige Kollaborationen waren möglich. Weiterhin zählt das Orwo-Haus in Marzahn zu den Orten, an denen wir anderweitig in Projekten involviert waren und wo wir mit befreundeten Musiker_innen gemeinsame Sessions veranstalten.
Von "der Musik in Berlin" kann man sicher nicht sprechen, allerdings hatten wir in den letzten Jahren die Möglichkeit, eine große Bandbreite an Künstler_innen und Projekten kennen zu lernen, die uns sehr gefallen und sicherlich auch geprägt haben. Genauso entdecken wir auch immer wieder neue Bands und Plattformen, die wahnsinnig interessant sind und viel kreatives Potential haben. In Berlin hat man als Künstler_in viele Möglichkeiten sich zu präsentieren und mit anderen zu musizieren, das finden wir auf jeden Fall Klasse!
Inwieweit seit ihr in Riot Grrrl/ Ladyfest-Sachen involviert?
Wir kennen einige der Veranstalter_innen und unterstützen Projekte, die normative (Re-)Präsentationsformen in der Rock-, HardCore, Elektro- oder auch Punkkultur hinterfragen und unterrepräsentierten Künstler_innen (wie es leider u.a. immer noch Frauen im Bereich der Rockmusik sind) Raum geben sich auszudrücken.
Da ihr alles Frauen seit: Gibt es etwas, von dem ihr sagen würdet, dass ist an eurer Band oder Musik anders, als bei männlichen Musikern?
Normalerweise reagieren wir allergisch auf Fragen, die Phrasen beinhalten wie “da ihr ja alle Frauen seid...”. Wir glauben nicht, dass unser Geschlecht in irgendeine Art und Weise unsere Musik beeinflußt, genauso wenig denken wir, dass Musiker etwas speziell männliches beim Musizieren haben (vielleicht könnte man ja dies auch mal nachfragen?). Dass wir als Frauen in der Musikszene immer noch so auffallen und solche Fragen beantworten müssen, liegt eher an dem Missstand, dass Mädchen/Frauen besonders in der Rockmusikszene unterrepräsentiert sind und daher als Exotinnen dargestellt werden.
Welche Zukunft seht ihr für euch und für eure Band?
Wir wollen weiterhin Musik machen und Konzerte spielen und hoffen, mehrere Konzerte außerhalb Berlin bespielen zu können!
Fragen von Gunter
www.myspace.com/totallystressed




