Nachgefragt: STOPPOK
![]() |
Vor seinem Konzert im Karlsruhe Tollhaus (wir berichteten) hat uns STOPPOK geduldig Fragen über seine Solotouren, seine Ansichten zu seinen deutschen Kollegen sowie die Möglichkeiten des Internets für junge Musiker beantwortet. Hier könnt ihr es (ungekürzt) nachlesen:
Regiomusik: Du bist seit einiger Zeit nicht mehr mit Band, sondern Solo unterwegs. Wie kam es dazu?
STOPPOK: Während der letzten Bandtour ist mir vieles tierisch auf den Keks gegangen. Mit Band bist du ständig mit mindestens 12 Leuten unterwegs und das war mir dann irgendwann zuviel. Die Band sowie die Crew sind schon sehr lange dabei und irgendwie stagnierte das immer mehr, so dass ich das Gefühl hatte, da muss mal eine Veränderung rein, weil ich das nicht mag, so nach dem Motto „wolln ma mal wieder?“ – immer das gleiche abspulen. Ich hatte das Gefühl, da ist die Luft raus und das hat mir einfach keinen Spaß mehr gemacht. Ich hatte vorher schon die Erfahrung, da ich schon eine Tour nur mit meinem Bassisten als Duo (Reggie Worthy) gemacht hatte und das war schon sehr beachtlich und ich hatte dann auch eher durch Zufall ein paar Soloauftritte gemacht und habe gemerkt, das macht mir tierisch Spaß und ich kann witzigerweise noch viel dynamischer Arbeiten wie mit der Band und den Leuten bringt das Spaß. Noch vor ein paar Jahren wäre das komisch gekommen, aber im Moment sind die Leute total dankbar. Ich biete ja trotzdem was „grooviges“ an, nicht so wie bei Liedermachern. Die Leute fahren da total drauf ab und ich hätte auch nie gedacht, dass mir das über einen so langen Zeitraum soviel Spaß machen würde.
Regiomusik: Du spricht das Thema Liedermacher an. Wenn ich an Solotouren denke, dann denke ich z.b. an Hans Söllner der das seit Jahren macht und die Leute fahren mindestens genauso auf seine Ansagen oder Erzählungen zwischen den Songs ab, wie auf seine Lieder. Wie hälst du es damit?
STOPPOK: Söllner kannst du insofern nicht vergleichen. Es gab ja schon immer auch die klassischen Liedermacher, die sind alle sehr textlastig. Auch bei Söllner geht es erst in dritter- oder vierter Linie um Musik, weil er auch definitiv kein Musiker ist und von daher hat das einen ganz anderen Charakter. Bei mir ist es auch so, dass die Leute bei den Solokonzerten erstmal mitkriegen „Aha, der spielt ja seinen ganzen Gitarren selber, der kann das ja richtig“, obwohl die das vorher auch wussten, aber irgendwie ist das nicht so richtig greifbar geworden.
Regiomusik: Also eine musikalische Emanzipation?
STOPPOK: Ja, im Prinzip ist das so. Ich mag es generell, wenn Entertainment, Musik und Texte gleichwertig ist. Bei mir ist das alles auf dem gleichen Niveau, keins fällt gegeneinander ab.
Regiomusik: Bei der Vorbereitung zu diesem Interview ist mir aufgefallen, dass du schon seit längerer Zeit alles selber machst und die Zügel in der Hand hältst. Du hast dich von der Musikindustrie völlig abgewandt und produzierst deine Alben selbst und auch die Vermarktung machst du selber. Das ist eine Vorgehensweise die man im Musikbusiness mehr und mehr beobachtet, diesen Weg gehen immer mehr Künstler. Welchen Grund hat das deiner Meinung nach?
STOPPOK: Ich habe frühzeitig erkannt, dass die Abhängigkeiten von der Industrie einfach nicht gut tun, weil da meistens Pappnasen sitzen, die keine Ahnung haben. Ich arbeite gerne mit Leuten zusammen, ich schreibe auch meine Songs mit anderen. Ich bin auch kein Einzelgänger, der keinem anderen was zutraut, nur was das Business anbelangt, gerade das Produzieren der eigenen Musik, da gibt’s nicht viele gute Leute die wirklich „frei“ sind und mit denen man Spaß haben kann. Ich habe meine Plattenfirmen in den Neunzigern alle „abgearbeitet“ und im Prinzip rausgeholt was rauszuholen war, gerade finanziell. Dann habe ich erkannt, dass es wichtig ist, dass man sein eigenes Umfeld hat, ohne Abhängigkeiten. Und das wird in den letzten zwei bis drei Jahren immer deutlicher.
Regiomusik: Hat das auch Nachteile für dich bzw. „den Künstler“?
STOPPOK: Im Prinzip nicht. Ganz im Gegenteil. Alles bringt mehr Spaß. Natürlich träumt jeder junge Musiker, so ging es mir auch früher, von einem Plattendeal bei einem namhaften Majorlabel wie Warner oder CBS, EMI und wie sie alle heißen. Das sind alles Namen die man mit seinen „Heroes“ verbindet und man hat auch einen großen Anerkennungsdrang und auch ich fand es toll so was zu haben. Jetzt fehlt mir aber wiederum nichts. Man wurde von den Firmen hofiert und hat das genossen. Aber das gute daran, wenn man Älter ist, dass man es dann nicht mehr nötig hat und sich die „Befriedigung“ auf anderen Seiten holt. Letztendlich geht für einen Musiker nix über ein gutes Konzert und Leute die vor der Bühne sitzen und Spaß haben.
Regiomusik: Du hast also auch erst mit der Zeit herausgefunden, was dir wichtig ist und auf was du verzichten kannst?
STOPPOK: Ich wusste das immer und ich denke das geht vielen so. Das ist genauso wie im sexuellen Bereich, wenn eine Frau mit Netzstrümpfen und Minirock vorbeikommt und völlig aufgebrezelt ist, dann weißt du „Finger weg, das gibt Ärger“, aber trotzdem hast du das Messer in der Tasche auf. Das sind starke Reize, das sieht man ja wenn man die Stars in ihren Häusern bei MTV sieht und natürlich macht das einen jungen Musiker an. Aber ich habe ja alles was ich mir wünschte erreicht, finanziellen Erfolg, ein eigenes Studio mit hochwertigem Equipment, so wie ich mir das vorstelle und bin da unabhängig und daher ist alles so, wie ich mir das vorgestellt habe.
Regiomusik: Thema „deutsche Musik“! Der eine sieht seine Wurzeln in der „Mundorgel“ und freut sich über alles was inzwischen auf Deutsch gesungen wird, andere wiederum verweisen auf ihre Prägung mit englischer- und amerikanischer Rockmusik. Wie bekommt man das als offener deutscher Musikhörer am besten auf die Kette? Ist der Trend das inzwischen viele deutsche Musiker auch deutsch singen super oder lächerlich?
STOPPOK: Nein, das find ich auf jeden Fall gut. Es gibt immer zwei Seiten, deswegen werde ich im Alter auch nicht zum Grönemeyer- oder Westernhagen-Fan, weil das Leute sind, die einfach nur nach amerikanischem Vorbild ihre Texte auf irgendwelche Musik stricken. Das sieht man bei jungen HipHop-Künstlern zum Teil auch, das finde ich persönlich langweilig. Aber es gibt ganz viele die es begriffen haben und was neues machen, heute mehr denn je und das finde ich toll. Das fängt ja z.B. beim Mittelalter-Boom an, das man aus ganz alten Sachen was Neues macht und da sind paar gute Sachen dabei. Das zeigt eine eigentlich deutsche Variante, womit man eine Lücke schließt und es gibt eine große Liedermache-Szene, die auch wiederum sehr eigen mit dem Thema umgeht. Ich finde es extrem gut, dass was passiert und ich finde es gut wenn man z.B. alte Sachen wieder aufarbeitet. Ich lebe ja zurzeit in Oberbayern und das schätze ich an den Bayern, dass Sie über die Jahre ihre Traditionen bewahrt haben. Das es so Bands wie Haindling gibt, die sehr deutsch klingen, was ich früher überhaupt nicht gut fand. Da wird ein wirklich „deutscher Sound“ gemacht, der nicht blöd ist, wie viele „volkstümliche“ Musik. Und ich kenne auch viele bayrische Musiker die noch wirklich traditionelle Musik machen, die richtig klasse ist. Man hat uns eingebläut das der ¾-Takt schlecht ist, aber wenn man den spielt wie es mal gedacht war z.B. in Bayern oder in der deutschen Musik, das swingt wie Hacke – nur konnte das keiner mehr richtig spielen. Manchmal sehe ich da so einen alten Opa auf der Zither – das geht richtig ab!
Regiomusik: Mich wundert es jetzt ein bisschen das du Grönemeyer und Westernhagen nennst, wenn um das reine kopieren angloamerikanischer Musik geht. Ich hätte eher gesagt die beiden klingen eher „deutsch“ und du wärest jemand der von den Wurzeln her eher bei den amerikanischen Songwritern wie z.B. Neil Young angesiedelt ist, auch mit Verweisen auf die Folk- und Bluestraditionen und da auf deine eigene Art und Weise deutsche Texte zu singst?
STOPPOK: Das ist auch kein Widerspruch, sondern eher eine Frage der Begrifflichkeit. Ich gebe dir vollkommen recht, Westernhagen und Grönemeyer sind sehr „deutsch“. Aber was deutsch an denen ist, ist die Tatsache das sie angloamerikanische Sachen einfach schlechter machen. Das ist ja viel Blues und Rock, oder sollte es vielmehr sein, aber sie können es einfach nicht. Und die „pappen“ die Texte auf Playbacks die sie zusammengebastelt haben und stellen sich vor zu sein wie „der oder der“. Westernhagen mal ganz extrem, der hat Mick Jagger „studiert“, irgendwo ein Video von dem und guckt sich das immer wieder an. Und das ist einfach lächerlich und das ist deutsch, im negativen Sinne. Wir machen das, können es aber nicht. Einfach noch ein bisschen exakter als das Original und insofern gebe ich dir recht, ohne jetzt anmaßend wirken zu wollen. Ich bin genauso mit amerikanischer und englischer Rockmusik aufgewachsen und habe es aber begriffen, wo der „Swing“ liegt. Und ich packe meine Texte eben nicht nur auf amerikanische Musik. Ich arbeite viel mit amerikanischen Musikern zusammen und die staunen immer, wie ich den Rhythmus verändere, zum dem Rhythmus meiner Sprache. Und das ist der Unterschied. Ich bin zwar eigentlich amerikanischer, aber ich mache aus dem „Dilemma“ das richtige: Klingt vielleicht bisschen anmaßend oder arrogant aber ist trotzdem so. (lacht)
Regiomusik: Was war denn dann überhaupt für dich der Grund damals anzufangen, deutsch zu singen?
STOPPOK: Mein Anstoß war damals Jimi Hendrix, wo ich gemerkt habe, er hat eine Intensität in seiner Musik, die haut mich um. Ich habe dann auch Hendrix nachgespielt, habe die Sounds auch leidlich nachgemacht, habe aber gemerkt das es dass nicht ist. Und wenn ich diese Intensität erreichen möchte muss ich das mit meiner eigenen Sprache und mit meinem eigenen Rhythmus machen. Wobei ich nicht sage, dass mir das in derselben Intensität wie Hendrix gelungen ist, ich mache einfach nicht solche intensive Musik, weil ich über die Jahre noch anderen Sachen mitbekommen habe, wie z.B. Entertainment und Folkloristische Einflüsse die mir wichtig sind aber ich habe meinen eigenen Stil gefunden der alles zusammenbringt was in meinen Augen eine „Echtheit“ hat und nicht aufgesetzt ist.
Regiomusik: Viele deutschsprachige Kollegen haben sich für eine Radioquote ausgesprochen. Was würde das ändern?
STOPPOK: Ganz am Anfang war ich strikt dagegen. Vor 10 Jahren als das Thema aufkam, habe ich gesagt „Scheiß drauf“, ich bin für 100% gute Sachen im Radio, egal woher sie kommen. Mittlerweile sehe ich dass bisschen anders. Natürlich haben die amerikanischen Großkonzerne die Medien in die Hand genommen und um da durchzukommen, müsste man das regeln. Letztendlich finde ich es aber genauso albern wie ein Rauchverbot in den Kneipen, obwohl ich Nichtraucher bin. Ich finde es blöd, dass man so was nicht zwischenmenschlich hinbekommt. Ich glaube wenn man eine Radioquote hätte, würden auch nur die deutschen Künstler gespielt, die mit irgendwelchen Großkonzernen kooperieren. Andererseits wäre es auch so, dass ein anderer Bedarf da wäre und das sich dann trotzdem gute Sachen einschleichen würden, weil soviel Schwachsinn gibt es ja gar nicht. Das ist ja wie im Fernsehen auch, da gibt es soviel Bedarf die Sendungen zu füllen, das sich hier und da auch mal was gutes „Einschleicht“. Von daher wäre die Radioquote eine Chance. Ich weiß aber auch nicht ob heute, wo das Internet eine solche Vielfalt bietet, so was noch nötig ist. Ich höre fast nur Internetradio und da entdecke ich die guten Sachen. Letztendlich müssen die Medien damit klarkommen und haben irgendwann Pech gehabt, weil sie am Bedarf vorbei agieren.
Regiomusik: Welche Tipps gibst du Musikern, die heute am Anfang ihrer Karriere stehen mit und dabei dauerhaft auch Spaß haben möchten?
STOPPOK: Der Spaß an der Musik sollte im Vordergrund stehen, und den hast du nur wenn du herausfindest was dein „Sound“ ist und das ist heute vielleicht schwerer als noch vor 30 Jahren, das kann ich nicht richtig einschätzen. Andererseits existieren heute vielmehr Stilrichtungen und man muss mitkriegen was für einen das richtige ist und darf sich nicht von irgendwas blenden lassen. Man muss die Möglichkeiten die z.B. das Internet bietet voll nutzen. Leider ist es schwerer geworden Auftrittsmöglichkeiten zu finden, andererseits gibt einem das Internet dafür Möglichkeiten und da muss man Gas geben und dies Nutzen bis zum abwinken.
Regiomusik: Wird das ausreichen um auch davon leben zu können?
STOPPOK: Auf diese Art habe ich eigentlich nie überlegt. Ich habe mit Straßenmusik angefangen und auch heute gibt es noch Möglichkeiten sich mit einfachen Mitteln über Wasser zu halten. Ich habe mich nie um Kohle geschert und wurde auch nicht von Hause aus unterstützt und habe erstmal auf einem Low-Level gelebt – sozusagen volles Risiko. Man muss es verstehen um sich herum ein Netzwerk aufzubauen, soviel wie Möglich live zu spielen und so den Kreis der Fans auszuweiten. Heute leben doch mehr deutsche Bands von ihrer Musik als je zuvor, genau weil sie das gemacht haben. Die Palette ist Riesengross momentan. Das war vor 30 Jahren nicht so. Aufhören zu jammern und loslegen!
Das Interview führte Alexander Wernet am 8.3.2007 im Vorfeld des STOPPOK-Konzerts in Karlsruhe.


