07.05.2010  BERLIN

Afro Hesse - Vom Tellerwäscher zum ... Sparkassen-Rapper



Afro Hesse

Rap ist groß. Hip Hop kann einiges bewegen. Das durfte auch Afro Hesse erleben. Nach sechs Jahren illegalen Aufenthalts drohte ihm die Abschiebung aus Deutschland. Er entkam nach Paris und war monatelang auf der Flucht. Im August 2008 wurde er nach einer Personenkontrolle festgenommen und wegen des illegalen Aufenthalts zu einer Haftstrafe von 6 Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde.

 

Man steckte ihn nach Berlin-Grünau in Abschiebehaft. Da er fünf Sprachen beherrscht, konnte er helfen, zwischen Häftlingen und Wärtern zu vermitteln. Im Oktober wurde er freigelassen, als sich der deutsche Politiker Benedikt Lux von Bündnis 90 / Die Grünen als Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus an den zuständigen Petitionsausschuss des hessischen Landtags wandte. Auch viele Rapper, Freunde und andere Menschen, die von seinem Schicksal erfuhren, sprachen sich für Afro Hesse aus, veranstalteten Solidaritätskonzerte und verwiesen auf die Geschichte und das Schicksal von Hesse. Wegen einer Jugendstrafe vor fast zehn Jahren wurde ihm die Aufenthaltsgenehmigung dennoch weiter verwehrt.

 

Doch seine eigene Vergangenheit hat er nicht vergessen. Schon damals setzte er sich immer wieder für Menschen ein, die ein ähnliches Schicksal ereilt hatte. Er versuchte, ihnen zu helfen, für sie zu sprechen und die Gesellschaft aufzurütteln. Anderthalb Jahre später. Afro Hesse hat seit zwei Monaten eine Aufenthaltsgenehmigung. Es hat sich viel geändert. Er darf offiziell hier sein und will ein ganz normales Girokonto bei der Berliner Sparkasse eröffnen. Ein Tag, der ihm schließlich zeigt, dass er auf einmal in unserer Gesellschaft etabliert ist und den er wahrscheinlich nie wieder vergessen wird. Er nimmt an einem Wettbewerb teil, gewinnt 5000 Euro in Form einer Visa Card, ein Notebook, eine super Kamera und eine Reise für zehn Tage und wird zum Sparkassen-Rapper. Sein Herz und seinen Glauben hat er dennoch nicht verloren.

 

 

 

 

 

 

Interview mit Afro Hesse



Afro Hesse

Du hast an einem Wettbewerb der Berliner Sparkasse teilgenommen. Was musste man machen? Was gab es zu gewinnen?

Ich wollte ein Girokonto eröffnen. Bei der freundlichen Dame, die mich beraten hat, lag eine Broschüre auf dem Tisch und die habe ich mir angeschaut. Da gab es 5000 Euro in Form einer Visa Card, ein Notebook, eine super Kamera und eine Reise für zehn Tage zu gewinnen. Das hat mich interessiert, und ich habe überlegt, sofort einen 16er dafür aufzunehmen. Ich rief einen Homie an und meinte, dass er mit mir mal schnell so ein Video für einen Wettbewerb machen solle, weil ich denke, dass ich da gute Chancen habe. Wir machten das Ding. Im Video spiele ich bewusst mit diesen Klischees im HipHop. Und plötzlich war mein Teilnehmervideo zur Giro Challenge 2010 der Berliner Sparkasse das Gewinnervideo. Deshalb: Danke an die Agentur Public, die Berliner Sparkasse und die Jury. Ich habe das aber alles Gott zu verdanken.

 

Vor ein paar Jahren hattest du keine Aufenthaltsgenehmigung und bist aus Deutschland geflohen, weil du abgeschoben werden solltest. Was hat sich verändert?

Ich wurde nicht abgeschoben, ich bin nur untergetaucht. Ich war sechs Jahre illegal hier und habe immer gesagt: Wenn ich Papiere hätte, würde ich dies und das meistern. Jetzt habe ich sein knapp drei Monaten endlich einen Aufenthaltstitel und bin ganz offiziell in Deutschland. Und ich versuche jetzt alles zu machen, was ich mir vorgenommen habe. Am ersten Mai hatte ich eine Riesenbühne auf dem Kreuzberger Myfest und habe da eine sehr schöne Veranstaltung gemacht. Es gab keine Schlägereien, es war super Stimmung und vor unserer Bühne war am Meisten los. Das freut mich sehr. Ich habe schon immer Dinge organisiert, aber jetzt ist das eben auch für mich ganz offiziell. Ich beziehe keine Leistungen vom Staat, kein Hartz IV und bekomme auch nichts vom Sozialamt. Ich habe lange gelitten, jetzt will ich alles nachholen, arbeiten und helfen.

 

Was treibt dich an, dich auch weiterhin für Menschen einzusetzen, die ähnliche Probleme wie du damals, haben?

Es geht mir nicht um den persönlichen Triumph und ich will mich als Person auch nicht in den Vordergrund stellen. Ich habe viel gesehen und erlebt. Mein Englisch-Lehrer war schon ein Rassist und hat mich „Kanake“ genannt. Ich will, dass die Menschen, egal welche Hautfarbe oder Religion sie haben, auch als Menschen wahrgenommen werden. Ich will, dass die Gesellschaft nicht so gleichgültig ist und sich Gedanken um ihre Mitmenschen macht. Nicht nur um den Nachbarn, der vielleicht sein Auto zu Schrott gefahren hat und jetzt kein Geld hat, um sich ein neues zu kaufen, sondern auch um den Mitmenschen, der in Abschiebehaft sitzt, kein Wort Deutsch spricht und von fetten, alten Nazi-Wärtern geknechtet wird – und zwar hier in Deutschland! Ich weiß, viele haben mich Schwätzer genannt, mich ausgelacht oder mich ignoriert. Aber ich bin nicht dumm, und ich weiß, was ich kann. Ich bin vielleicht nicht der krasseste Rapper, aber das wollte ich auf meinen Alben "Der verschollene Immigrant" und "Mehr als Musik" auch nicht unbedingt zeigen. Ich wollte die Öffentlichkeit auf gewisse Schicksale aufmerksam machen. Manche haben es verstanden und mich unterstützt, andere eben nicht. Aber ich gebe nicht auf.

 

Was war das Bewegendste, was du in letzter Zeit erlebt hast?

Ich habe in Abschiebehaft einen jungen Mann kennengelernt. Er war ein sehr herzlicher Mensch. Er war seit 10 Jahren in Europa illegal unterwegs, irgendwann wurde auch er festgenommen. Er konnte kein Deutsch, und als ein Wärter ihn angeschrien hat, habe ich mich für ihn eingesetzt. So wurden wir Freunde. Er hat mir in der Haft oft erzählt, wie traurig er ist, weil er seine Mutter vermisst. Er hat sie schon zehn Jahre nicht mehr gesehen, und seine Mutter wird sich so viele Sorgen machen um ihren Jungen. Sie kann nicht lesen und schreiben, so dass er ihr auch keinen Brief senden konnte. Auf jeden Fall haben wir die ganze Zeit Kontakt gehalten. Er rief mich dann plötzlich kürzlich an und erzählte, dass er eine vorübergehende Aufenthaltsgenehmigung hat. Heute habe ich ihn mit einer Kamera überrascht, habe ihn eine Videobotschaft für seine Mum aufnehmen lassen und werde nun auf meiner Reise nach Casablanca fahren und ihr diese Botschaft von ihrem Sohn zeigen. Während der Aufzeichnung hat er gelächelt und seiner Mutter Mut gemacht, denn er wollte nicht, dass sie sich Sorgen um ihn macht. Aber nach der Aufnahme ist er zusammen gebrochen und hat geweint. Ich bin froh, wenn ich ihm seinen Wunsch erfüllen kann. Das ist das Leben und genau das spornt mich an weiterzumachen.

 

Kann man jetzt sagen, dass du in der Gesellschaft etabliert bist? Was bedeutet das für dich?

Freiheit! Ich bin ein normales Kind, ein guter Junge mit Herz und Seele. Jetzt bin ich bei einer der größten Agenturen in Europa, habe da einen Vertrag unterschrieben und bin der offizielle Sparkassen-Botschafter. Und das passiert alles, weil ich jetzt einen Aufenthaltstitel habe. Vorher wäre das gar nicht möglich gewesen. Ich danke Gott dafür! Wenn man Liebe im Herzen hat, kommt irgendwann auch alles wieder zurück.

 

Rap hat dich immer begleitet. Was für eine Rolle spielt Rap/Hip Hop in deinem Leben?

Für mich ist Hip Hop einfach wie die Luft zum Atmen. Als ich in Paris war, war Hip Hop das Einzige, was mich nach vorne getrieben hat. Ich habe mit Leuten gerappt, war innerhalb der paar Monate im größten französischen Hip Hop-Fernsehen zu sehen, habe mit Kery James, Rim K, Diam‘s und anderen großen Interpreten gearbeitet. Ich habe auf meinem Album „Der verschollene Immigrant“ Oxmo Puccino als Feature. Wenn man bedenkt, dass ich in dieser Zeit nichts hatte, papierlos und obdachlos war, dann kann man das gar nicht glauben. Hätte ich in dieser Zeit Hip Hop nicht gehabt, wäre ich durchgedreht oder hätte. Hip Hop war ein ständiger Begleiter für mich, egal wo ich war. Mit Hip Hop wurde es einfacher, egal wie schwer es dennoch war...

 

Text und Interview: Sherin Kürten (Classic Media)

 

 

Mehr Infos unter:

 

http://www.myspace.com/afrohesse

http://www.youtube.com/watch?v=UiD0L4q3xdk

http://www.classic-media.net/

 

 

nein*




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