Regiomusik das Musikportal: Interview: Tim Lucas für Regiomusik im Gespräch mit Henning Rümenapp, Gitarrist der Guano Apes


12.10.2012  München

Interview: Tim Lucas für Regiomusik im Gespräch mit Henning Rümenapp, Gitarrist der Guano Apes



Henning

Tim Lucas im Gespräch mit Henning Rümenapp, Gitarrist der Guano Apes und Beauftragter für die Bund-Länder-Kooperation der „Initiative Musik gGmbH“ über staatliche Kulturförderung für Musik

 

RM: Henning, Du engagierst dich in der „Initiative Musik gGmbH“. Was verbirgt sich dahinter?

 

H: Die „Initiative Musik“ ist eine Bundesinitiative, die vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien gefördert wird. Die Initiative hat sich Ende 2009 aufgestellt und gesagt: Wir sind die Fördereinrichtung für Künstler und Unternehmen aus der Musikwirtschaft. Größte Geldgeber sind GEMA und GVL und BKM. Außerdem gibt es gemeinsame Projekte mit dem Bundeswirtschaftsministerium z. B. in der Export- und Messeförderung. Wir haben zwei große Förderprogramme: 1. Die Künstlerförderung, die ab einer Fördersumme von Euro 10.000 Euro beginnt. Du musst 60% des Kapitals mitbringen, um 40% gefördert zu bekommen, also musst Du ein Projekt von Euro 25.000 vorlegen, um die Fördersumme von Euro 10.000 da drin zu haben. Dieses Projekt richtet sich damit an einen Nutzerkreis, der bereit ist, einen gewissen Umsatz zu stemmen. Für die Grundförderung sind die Bundesländer zuständig. Künstler können Anträge stellen, für alles, was audiovisuell ist: Musikvideo, Tournee, Album, Marketing etc. 2. Die Infrastrukturförderung. Hier überlegen wir uns, wie wir die Infrastruktur in den Ländern aufbauen und optimieren können, was meine Aufgabe ist: Internetportale, Fördermodelle, Spielstättenförderung, Spielstättenprogrammprämien usw. Hier steht die Frage im Vordergrund: Was braucht jedes Bundesland?

 

RM: Widerspricht sich eine institutionelle bzw. staatliche Musikförderung nicht mit dem ursprünglich rebellischen Anspruch des Rock ‘n Roll?

 

H: Interessante Frage. Ich finde grundsätzlich nicht. Es ist aber immer wieder ein Thema bei sämtlichen Fördermodellen. Ist es cool genug? Oder ist es uncool, an einem Wettbewerb teilzunehmen? Ich bin schon in vielen Jurys gesessen, wo wir uns gefragt haben, wie man an die wirklich geilen Bands drankommen kann. Ich glaube, die Guano Apes machen auch Rock ‘n Roll und wir leben den Rock ‘n Roll und wir haben trotzdem eine Förderung bekommen, eine Art Rock/Pop- Stipendium durch das Land Niedersachsen in Kooperation mit VIVA. Und das war für uns der Startschuss. Damit konnten wir anfangen, professionell zu arbeiten. Mit dem Geld haben wir einen Großteil des ersten Albums produziert. Daher wäre es glatt gelogen, wenn ich sagen würde, Förderung und Rockmusik schließen sich aus. Diese Erfahrung gebe ich gerne weiter. Ich glaube, dass man da gewisse Sachen trennen muss: die Attitüde von Rock ‘n Roll und der Lifestyle, der dahinter steckt und das Talent, der Enthusiasmus, das Gespür, die Vision und die Emotionen, die man da mit reinbringt. So was kann man nicht fördern, da kann man niemanden hin coachen. Was man fördern kann und muss, ist, der Kreativität einen Output zu geben, einen Dialog zu schaffen zwischen Leuten, die schon weiter sind und Leuten, bei denen man das Gefühl hat, die wollen sich weiterentwickeln. Warum soll man nicht den Leuten beibringen, wie ein ordentlicher Vertrag aussieht, wie man mit GEMA, GVL und KSK und mit Musik- und Medienrecht umgeht? Das hat nichts mit uncool sein zu tun oder mit Spießigkeit, das ist schlichter Pragmatismus.

 

RM: Nun macht die Teilnahme an einem Musikwettbewerb noch keinen wirtschaftlich denkenden Künstler aus. Du sprichst ja selbst von einer Art Coaching.

 

H: Der Trend in Richtung Wettbewerbe ist schon sehr gut, denn die gehen in Richtung Spitzenförderung, z. B. der New Music Award. Da liegen dann einfach 10.000 Euro auf dem Tisch, damit kann man eine ganze Menge machen. Und dieser Gewinn bedeutet auch eine ganze Menge Verantwortung. Viele Ausrichter von Wettbewerben bündeln den Gewinn an ein Coaching. Ich bin der Meinung, dass junge Künstler, die einen Wettbewerb gewinnen, eine Nachbetreuung verdient haben, so dass z. B. der Gewinn in irgendeiner Form zweckgebunden ist und Hilfestellung gegeben wird: Was wollt ihr machen und was sind sinnvolle Schritte dafür? Das Musikbusiness hat sich so entwickelt, dass man all die Leistungen, die früher in einer Tonträgerfirma gebündelt waren, mittlerweile einzeln buchen kann - Promo, Marketing usw. Mit einer solchen Hilfe fördert man den Rock ‘n Roll nicht kaputt, sondern hilft dem Nachwuchs, sich nicht am heutigen Business abzuarbeiten. Wenn eine junge Band von sich sagen kann, coole Verträge zu haben, jemanden zu haben, der sich darum kümmert, zu wissen, welche Partner man ins Boot holen will, zu wissen, was die erwarten und was von denen erwartet werden kann, dann kann man gut zusammen arbeiten. Wenn ich auf der anderen Seite in einer Plattenfirma arbeiten würde, wäre mir eine Band, mit der ich professionell arbeiten kann, lieber als eine Band, die jede zweite Woche anruft und sagt, sie habe sich aufgelöst. Wir reden von barem Geld. Warum soll ich 100.000 Euro in eine Band investieren, die geile Musik macht, aber wie ein Haufen Flöhe daherkommt? Auch eine Band muss heute rechnen können.

 

RM: Bei Pete Doherty ging sicher das meiste Geld für Kautionen drauf...

 

H: Das sind dann die Geschichten, die jeder gern hört. Das Problem ist heute bloß, wenn der Controller des Labels hört, dass von den 20.000 Euro Marketingbudget 10.000 Euro für Kautionen draufgegangen sind, dann sagt der ‚Auf Wiedersehen’. Das hat sich einfach geändert. Früher wurde Alben lang an Bands geglaubt und heute musst Du froh sein, wenn Du irgendwo überhaupt ein Album veröffentlichen kannst.

 

RM: Es ist heute sicher eine Ausnahme, die Chance zu bekommen, das schwierige zweite Album zu versieben. Wie kommen wir dahin zurück, auf einen künstlerischen Werdegang wieder etwas länger zu vertrauen? Ich habe den Eindruck, dass das einer der Gründe dafür ist, warum so viele Künstler so schnell wieder vergessen werden.

 

H: Tja, wo setzt man da an? Ich glaube, man kann es von zwei Seiten betrachten: Wo wird auf der einen Seite Musik und Kunst geschaffen und wo wird Kunst in den Wirtschaftskreislauf gebracht? Die große Frage ist, wie kommen die zusammen und an welchem Punkt? Eine Band muss sich heute schon sehr viele Sachen selber erarbeitet haben, um bei der Wirtschaft auf Interesse zu stoßen. Heute tingeln nicht mehr haufenweise A&R-Leute durch die Clubs, um die coolen Bands zu signen, Demos zu machen und aufzubauen. Natürlich gibt es noch die Bandbreite der Indies, Social Media, Selbstvermarktung. Und auf der anderen Seite gibt es immer noch das Missverständnis der Bands, die darauf hoffen, dass sie aus dem Probenraum weg irgendwie entdeckt werden. Das mag funktionieren, z. B. haben sich Bands wie „Wir sind Helden“ selbst so populär gemacht, dass die Labels dann vor der Tür standen. Oder die Myspace-Erfolge wie die „Arctic Monkeys“ - es gibt immer wieder Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Ich glaube, es ist heute Aufgabe der Bands, sich so weit selbst hervorzutun, dass man eigentlich gar nicht mehr um sie herum kann. Wettbewerbe schaden da nicht. Die Zeit für Entwicklungsprozesse muss sich auch eine Band nehmen.

 

RM: Wie stehst Du denn zum Finanzierungsmodell Crowdfunding, die Schwarmfinanzierung durch Plattformen wie z. B. „Kickstarter.com“ im Internet? Sicherlich braucht eine Band dafür schon eine erarbeitete Fanbase. Trotzdem: Eine Idee zur Finanzierung des schwierigen zweiten oder dritten Albums?

 

H: Klar, Du hast ja dann ein gewisses Interesse geweckt. Und die Leute wollen ja auch wissen, wie es weitergeht. Fans und Leute, die ein Interesse an Kunst haben - die gehen auch einen Weg mit dir. Firmen gehen nicht unbedingt einen Weg mit Dir, denn die müssen rechnen. Das kann man denen noch nicht mal übel nehmen. Ich weiß nicht, bei wie  vielen Bands es wirklich funktioniert, aber ich find es gut, über Social Media und Crowdfunding seinen Fans zu sagen, Leute, wir haben ein neues Projekt - macht mit. Ich find es gut, wenn Bands selbst Verantwortung übernehmen. Außerdem hängen sich die Bands so nicht selbst an den Fördertropf als Junkies der Kulturförderung. Crowdfunding find ich super.

 

RM: Muss die Förderung zum Künstler oder muss der Künstler zur Förderung?

 

H: Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust. Auf der einen Seite weiß ich nicht, wieso im Klassik-Bereich alle wissen, dass es Fördergelder und Stipendien gibt. Ich glaube, das ist im Pop-Bereich nicht bekannt und wenn dann ist es eher verpönt. Vielleicht kollidiert das ja mit der Rock-Attitüde. Vielleicht will man sich auch nicht abhängig machen. Die „Initiative Musik“ kann sich aber über Förderanträge nicht beklagen. Das Angebot wird gut angenommen. Es ist vielmehr so, dass die Leute manchmal genervt sind und sagen, Formulare auszufüllen sei anstrengend (obwohl wir absolut benutzerfreundliche online-Formulare haben), und am Ende muss man die Belege aufbewahren und auch noch einen Verwendungsnachweis machen. Aber: Wenn ich Geld haben will, muss ich eben auch mal ein bisschen in Vorleistung gehen. Von daher: Information muss sein, aber wir müssen die Hunde auch nicht zum Laufen tragen. Dann ist es eben die Selektion derjenigen, die verstehen, was angeboten wird und wofür sie das nutzen können und die anderen brauchen es vielleicht gar nicht. Aber diejenigen, die nölen und sagen, es gibt hier nichts, denen kann ich nur sagen: Dann müsst ihr euch besser informieren.

 

Mehr Infos über die „Initiative Musik gGmbH“ gibt es hier: www.initiative-musik.de.

 

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