06.10.2008  Heidelberg

Gesehen: ORNETTE COLEMAN live beim ENjOY JAZZ Festival in Heidelberg

ORNETTE COLEMAN verzaubert Heidelberg



Coleman

Mit dem Konzert des ORNETTE COLEMAN QUARTETT hätte der Einstieg in das 10. ENJOY JAZZ Festival nicht gelungener sein können. Bereits 2005 spielte der Saxophonvirtuose ein unvergessenes Konzert auf dem international renommierten Festival, dass 2006 unter dem Titel „Sound grammar“ als Live-Album veröffentlicht wurde, und im selben Jahr den Pulitzerpreis für eines der herausragendsten Ereignisse des Jahres gewann. Demzufolge konnte sich das Publikum am 2. Oktober 2008 in der Stadthalle in Heidelberg mit dem Gastspiel des 78-jährigen Meisters auf eines der Highlights des Festivals freuen.

 

Unter der zahlreich anwesenden Zuhörerschaft bestand kaum ein Zweifel, dass COLEMAN mit seinem Quartett die unglaubliche Intensität und Lebendigkeit des Auftritts von vor drei Jahren wiederholen konnte. Und nach kurzer Ansprache des Schirmherrn Michael Sieber und des Festivalleiters Rainer Kern begann der Begründer des Freejazz mit der Demonstration seines Könnens. Begleitet von Tony Falanga am Kontrabass, Al Mac Dowell am E-Bass und seinem Sohn Dernado Coleman am Schlagzeug jagte er einen wahnwitzig-schnellen Lauf nach dem anderen aus seinem heulenden Saxophon. Immer wieder brachen die Instrumente in ein wohl intoniertes Chaos aus, um im nächsten Moment zu einem meisterlichen Thema wieder zusammen zu finden. Die Standards des Jazz wurden ständig dekonstruiert und wieder zusammengesetzt, so dass sich keiner der Zuhörer dem magischen Sog dieser Musik entziehen konnte. Atemberaubend inszenierter Freejazz wechselte mit atmosphärischen, fast verträumten Nummern. ORNETTE COLEMAN überzeugte dabei nicht nur als virtuoser Saxophonist, sondern auch als meisterlicher Trompeten- und Violinspieler. Sohn Dernado brillierte mit wilden Wirbeln zwischen Jazzverspieltheit und Rockgrooves an seinen Drums, Mac Dowell schälte mit dem E-Bass immer wieder feine Melodien aus dem gewaltigen Sound, und wenn Falanga seinen Kontrabass mit dem Bogen spielte, schaffte er damit eine dichte, fast unheilvolle Atmosphäre.

 

Nach über einer Stunde überragender musikalischer Darbietung beendete ORNETTE COLEMAN mit seiner Band das Konzert und verabschiedete sich von einem verzückten und euphorisch jubelnden Publikum. Mit manischer Spielfreude, den unvergleichlichen Fähigkeiten an seinem Instrument und einer Musik, die auch heute noch so spannend ist wie vor 40 Jahren, erinnerte COLEMAN nicht nur an seinen preisgekrönten Auftritt von 2005, sondern wiederholte ihn. Das ENJOY JAZZ Festival kann somit nicht nur auf eine würdige Eröffnung 2008 zurückblicken, sondern auch ein weiteres, unsterbliches Konzert in seine Annalen schreiben.

 

 

 

Christian Hautz