13/07 2007

Nachgefragt: Marc Lynn von GOTTHARD



Gotthard

Am 10.07.07 war GOTTHARD auf dem ZMF in Freiburg zu Gast. Eine gute Stunde vor Beginn der Show stand ein gut gelaunter Marc Lynn exklusiv für Regiomusik Rede und Antwort. 

 

REGIOMUSIK: Marc, zunächst einmal vielen Dank dafür, dass Du Dir für uns und unsere Fragen Zeit nimmst. Ihr seid ja zum ersten Mal auf dem ZMF zu Gast. Wie gefällt Dir das Festival und hast Du vorher schon einmal etwas vom ZMF gehört?

Marc Lynn: Vom ZMF haben wir bisher nur indirekt gehört, muss aber sagen, es gefällt mir. Schade nur mit dem Wetter. Eigentlich liegt Freiburg für uns zu nahe an der Schweiz, oder mit anderen Worten, der ganze Bereich zwischen Karlsruhe und Basel ist für uns ein wenig problematisch. Wenn wir auf Tour gehen, spielen wir in der Schweiz immer an unseren üblichen Auftrittsorten. Die harten Fans reisen dann nicht selten auch aus dieser Ecke an. 

 

REGIOMUSIK: Wir waren kürzlich auf dem Rocksound Festival in Huttwil (Schweiz), bei Eurem Gig mit ALICE COOPER vor Ort. Es drängte sich der Eindruck auf, das dass Schweizer Publikum jede Silbe Eurer Texte mit zu singen scheint. Macht es für Euch einen Unterschied ob ihr in der Heimat spielt oder auswärts?

Marc Lynn: Nein. Das macht für uns eigentlich keinen Unterschied. Es kommt in meinen Augen darauf an, wie Du spielst. Entsprechend reagiert auch das Publikum auch auf Dich. Ich finde Musik kennt keine Grenzen. Letztes Jahr auf unserer „Lip Service“ Tour, reisten wir unter anderem auch durch russisches Territorium. Die Leute dort haben zwar größtenteils kein Wort verstanden, doch bewegten sie einfach irgendwie zu Steves Gesang die Lippen mit, und sangen irgend etwas. Das war eine echt tolle Stimmung dort. Was den Gig in Huttwil angeht, auf den sind wir nicht so besonders stolz. Irgendwie schien das Publikum im Vergleich zu sonst etwas müde gewesen zu sein; was laut Veranstalter auch daran gelegen haben soll, das zwei lange Tage mit einer Menge Bands doch körperlich nach ihrem Tribut verlangen.

 

REGIOMUSIK: Soweit ich weiß, wohnst Du in Luzern, die anderen Jungs im Tessin, und eurer Gastmusiker Nikola Fragile in Mailand. Gibt es dennoch so etwas wie eine GOTTHARD Heimatstadt?

Marc Lynn: Klar. Das ist definitiv Lugano, auch wenn Nikola und ich anderthalb Autostunden weg wohnen. Von dort kommen wir ursprünglich alle her.

 

REGIOMUSIK: Mr. Fragile spielt nun ja schon seit längerer Zeit, vor allem live bei Euch mit. Ist er Eurer neues inoffizielles Bandmitglied?

Marc Lynn: Nein. Nikola ist unser Gastmusiker, und als solchen erwähnen wir ihn auch auf unseren Alben. Außerdem ist er am Piano einfach ein Top Mann. Früher spielte er ja in der Band von Eros Ramazotti. Wir haben uns oft gefragt, warum gerade er mit uns spielen will. Heute wissen wir, dass  es ihm einfach Spaß macht, mit uns zu spielen; und außerdem stimmt zwischen uns allen einfach die Chemie.

 

REGIOMUSIK: Bei uns sind mittlerweile über 2.700 Bands gelistet, von denen höchstwahrscheinlich die allermeisten davon träumen, Erfolg zu haben. Welchen Rat gibst Du, als jemand, der es geschafft hat, sich zu etablieren, unseren Bands mit auf den Weg? Oder anders gefragt, was braucht eine Band, um heutzutage erfolgreich sein zu können?

Marc Lynn: Ich glaube der Wille ist ein entscheidendes Kriterium. Ich denke zum Beispiel, dass der Olympia Sieger auf den 100m, nicht notwendiger weise der schnellste Mann der Welt ist. Vielleicht hat er auch nur am meisten siegen wollen, wenn Du verstehst was ich meine. Geht also in eure Proberäume, macht Musik und übt bis die Sache ausgereift ist. Und vor Allem, werdet erst einmal Freunde. Qualität und vor allem die Echtheit,  sind das „A&O“.

 

REGIOMUSIK: Soll das bedeuten, dass sich GOTTHARD etwa keine „Popstars“ Staffeln, oder „DsdS“ Sendungen ansieht?

Marc Lynn: (grinst) Eher nicht. Leute wie der Dieter Bohlen produzieren wahrscheinlich diesen Mist, weil sie keine Kohle mehr haben. Was bleibt den schon von diesen ganzen vermummten Stars? Sie werden gepusht, vertraglich geknebelt und ausgesaugt. Danach ist ihre Sendezeit auch schon wieder abgelaufen. Hier werden in jungen Menschen immer größere Träume geweckt und millionenfach Illusionen verkauft. Die Eigenkritik kommt dabei nicht selten zu kurz. Dabei ist sie ungemein wichtig. Man muss stets selbst sein schärfster Kritiker sein; konstruktiv und ohne dabei jemals aufzugeben.

 

REGIOMUSIK: Seid auch Ihr als Teil des Musik Business musikalischen Restriktionen der Plattenfirma, des Managements, oder wem auch immer unterworfen?

Marc Lynn: Nein, Gott sei Dank nicht. Wir können musikalisch tun und lassen was wir wollen. Wir versuchen für die Fans einfach immer nur das Beste zu geben.

 

REGIOMUSIK: Was heißt dies konkret, bzw. wie beurteilst Du demnach Euren eigenen musikalischen Werdegang?

Marc Lynn: Wenn Du als Band anfängst Musik zu machen, so hat das erste Album etwas magisches, ganz einfach deshalb, weil Du zehn Jahre dafür Zeit hast. Das zweite musst Du dann aber innerhalb von zehn Monaten hinlegen, soll heißen man steht enorm unter Druck. Mit dem dritten wiederum musst Du dann das Ganze auf den Punkt bringen. Wir für uns, bezeichnen dies als eine Art Breitband Musik. Mit unserem vierten Album „Lip Service“  beispielsweise, landeten wir eher in der Pop-Rock Ecke. Auch textlich schnitten wir neue Themen an, teilweise auch politischer und sehr ernster Natur. Unsere aktuelle fünfte Studioscheibe „Domino Effect“ kommt wieder zurück  zum reinen Rock.

 

REGIOMUSIK: Steve erzählte letztes Jahr, dass mit dem Eintritt von (Ex-CHINA) Freddy Scherer, das ganze Projekt einen Zugewinn an Spaß, Spielfreude und Musikalität bekam. Wie beurteilst Du dieses Statement ein Jahr später?

Marc Lynn: Daran hat sich auch heute nichts geändert. Ich sage immer, Freddys Vorgänger war eine Art defensiver Verteidiger. Freddy selbst aber ist eher der frische und offensive Kämpfer. Das hat natürlich nach wie vor entsprechenden Einfluss.

 

REGIOMUSIK: Gibt es für Dich so etwas wie einen Lieblingssong von Euch?

Marc Lynn: (überlegt kurz) Hmm..., doch,... ich würde sagen, es ist der Titel „Domino Effect“ von der aktuellen Platte. Er kommt einfach direkt auf Dich zu und überrollt Dich. Der vorhin angesprochene reine Rock. Er steht für die musikalische Weiterentwicklung von GOTTHARD, reiner und rockiger eben.

Ansonsten mag ich alle Songs, die live gut angekommen, einschließlich unserer Cover Songs wie „Hush“, „Mighty Quinn“ oder den „Immigrant Song“. 

 

REGIOMUSIK: Wie schaut es eigentlich mit Eurer Erwartungshaltung aus. Habt Ihr es bereits im Proberaum im Blut, ob ein Titel ankommt, oder nicht? Wurdet Ihr diesbezüglich schon einmal positiv oder auch negativ überrascht?

Marc Lynn: Bei Balladen wie z.B. „Heaven“ hatten wir schon ein gewisses Vor-Gefühl. Der Titel wurde dann schließlich auch unsere erste Gold-Single. „Lift U up“ wiederum kam zwar gut an, aber wir dachten, der Titel würde sich besser schlagen. Als Rockband ist man halt eher eine Album Band. Wir hatten zwar das Glück, unsere Alben in der Schweiz stets von 0 auf Platz 1 zu wissen. Insofern macht man sich schon seine Gedanken darüber, welchen Titel man im Vorfeld als Single auskoppelt. Jedoch bietet vor allem das Radio wenig Freiheiten. Kaum ein kommerziell erfolgreicher Sender, der es sich leisten will, Risiken einzugehen. Dies macht es auch leider wiederum neuen Bands ungemein schwierig sich zu etablieren; weil sie ganz einfach kaum einer spielen will.

 

REGIOMUSIK: Wie wichtig ist Euch das Internet als Musikmedium?

Marc Lynn: Sehr wichtig. Das Internet ist eine tolle Sache. Man verfügt sofort über die Info, die man sucht. Egal wann, egal wo.  Vor allem unsere jüngeren Fans beschweren sich direkt, wenn wir unsere eigene Homepage nicht ständig updaten.

 

REGIOMUSIK: Gibt es für Euch noch so etwas wie Lampenfieber, oder ist das alles zur Routine geworden?

Marc Lynn: Routine ist es nie, und soll es auch nie werden. Aber Lampenfieber ist in meinen Augen hierfür das falsche Wort, weil dieser Begriff eine gewisse Angst einschließt. Ich würde es eher als Adrenalin und Freude auf den Gig bezeichnen.

 

REGIOMUSIK: Macht es für Euch einen Unterschied, ob Ihr Konzerte in eher familiärer Atmosphäre, wie z.B. letztes Jahr in Lahr, oder in riesigen, ausverkauften Hallen wie in Zürich auftretet?

Marc Lynn: Bei unseren vorhin angesprochenen Schweizer „Standard“ Konzerten, warten wir mit dicker Show,  und aufwendigem Licht auf. Da können wir mit recht viel Publikum kalkulieren, und das ist natürlich schon eine tolle Sache. Doch musst Du als Band auch mal wenig Zuschauer verkraften können. Es kommt wie gesagt immer darauf an wie gut man spielt und ob man mit Spaß bei der Arbeit ist. Wenn man seinen Job gut macht, ist auch eine Clubatmosphäre alles andere als zu verachten.

 

REGIOMUSIK: Gab es ein Erlebnis auf der Bühne mit GOTTHARD, welches Ihr am liebsten aus Eurem Gedächtnis streichen würdet. Ein richtig dicke Panne, oder so?

Marc Lynn: Von großen Pannen, sind wir bisher auf der Bühne zumindest verschont geblieben. Jedoch waren wir einmal auf Tour und hielten mit unserem Tourbus an der Autbahntankstelle. Einer von uns stieg total verschlafen aus um menschlichen Bedürfnissen nachzugehen. Dumm nur, dass dies keiner bemerkt hat. So fand sich der arme Tropf kurz darauf ohne Tourbus und in Shorts, ohne Geld oder Handy, mittellos und einsam auf dem besagten Rastplatz wieder. Derjenige ist uns dann per Anhalter zum nächsten Veranstaltungsort nach gereist. 

 

REGIOMUSIK: Alright, that´s Rock´n Roll. Dürfen unsere Leser erfahren, wer von Euch dieser zu bemitleidende Mensch war?

Marc Lynn: (grinst) Na ja, verraten wir mal aus Gründen des „Datenschutzes“ lieber nicht.....

 

Abschließend möchte der Schreiber die unkomplizierte und sympathische Art von Marc Lynn und seinen Mannen, welche zur Gänze frei von jeglichen Allüren ist, nicht unerwähnt lassen. Im Gegensatz zu Künstlern wie etwa CURSE, welche sich auf recht wenig,  gleich ´ne ganze Menge einzubilden scheinen, findet man bei allen Mitgliedern dieser Band, bodenständige Sympathieträger vor. Im Namen von REGIOMUSIK daher ein extra großes Dankeschön an die Schweizer Rockband Nr. 1, nebst den allerbesten Wünschen für die Zukunft.

 

Dirk Dufna

 

Konzertbericht GOTTHARD auf dem ZMF

Bildergallerie