15.07.2008 Freiburg
Gesehen:Giora Feidman auf der Gala-Nacht beim ZMF
![]() Giora Feidman |
Ein Meister der Verständigung
Giora Feidman gehört zu den ganz großen Namen der Klarinettisten, und das vollkommen zu Recht. Nach Anfängen in der Klassik begann er Anfang der 70er Jahre seine Karriere als Klezmer-Musiker, heute zählt er zu den wichtigsten Instrumentalsolisten dieser Musikrichtung. Immer wieder zieht es in nach Deutschland, dem er sich besonders verbunden fühlt.
1984 spielte Feidman eine Hauptrolle in Peter Zadeks Inszenierung von Joshua Sobols Theaterstück „Ghetto“, was ihn und seine typische Klarinettenstimme in Deutschland bekannt machte. Auf seinen Konzertprogrammen stehen neben der alten Klezmermusik auch George Gershwins Werke, Tangos aus der argentinischen Heimat und in den 2000er Jahren vermehrt sinfonische Musik zeitgenössischer israelischer Komponisten (Ora Bat Chaim, Betty Olivero) sowie das klassische Klarinetten-Repertoire (z. B. das Klarinettenkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart).
Auftritte in den deutschen Filmen „Jenseits der Stille“ von Caroline Link und „Die Comedian Harmonists“ von Joseph Vilsmaier sowie seine Mitwirkung bei John Williams oscargekrönter Filmmusik zu Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (gemeinsam mit Itzhak Perlman) machten Feidman dem Filmpublikum Mitte der 1990er Jahre bekannt. Das mit den Autoren Stephan Barbarino und Jan Linders erarbeitete Musiktheaterwerk „Nothing But Music“ (2005) erzählt von Stationen seines bewegten Lebens.
Auf dem Weltjugendtag 2005 musizierte Giora Feidman vor etwa 800.000 jungen Christen und dem Papst. Feidmans stetige Bemühungen um die jüdisch-deutsche Verständigung und Aussöhnung gaben für seine Berufung durch die Veranstalter und auch ausdrücklich durch den Vatikan und Papst Benedikt den Ausschlag.
Gestern Abend war Giora Feidmann nun auf der ZMF-Galanacht zusammen mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg unter der Leitung von Juri Gilbo und zahlreichen Gästen im ausverkauften Zirkuszelt zu sehen. Als langjähriger Freund des ZMF und als Vermittler und Botschafter zwischen den Kulturen erhielt er den ZMF-Ehrenpreis.
Auf dem Programm standen neben israelischen Kompositionen Bartok, Mozart, Piazolla auch Eigenkompositionen Feidmans. Es war bewegend.
Feidmans Klarinettenspiel, in den leisen, langsamen Passagen behutsam, fast zärtlich, in den dynamischeren Momenten spielerisch, wurzelt im Weltbild Feidmans, der in zahlreichen Ansprachen von der Frieden stiftenden Bedeutung des musikalischen Moments berichtet. Um das zu verdeutlichen, motiviert er mitunter das gesamte Zelt, zur Musik mitzusummen. So viel Einheit ist kostbar und selten.
Freilich, ob klassische Musik auf dem ZMF so richtig angebracht ist, bleibt fragwürdig. Ein kunstvoll gebasteltes Mikrofongebilde muss den Klang transportieren, der nicht anders kann, als durch Boxen verstärkt an Bedeutung und Differenzierung zu verlieren. Zudem fliegen Flugzeuge über das Zelt hinweg. Vielleicht sollte man für Ehrungen der klassischen Art doch das Konzerthaus in Betracht ziehen. Die möglichen Leistungen des ZMF liegen woanders.
Dennoch: ein Ereignis. Feidman vor klassischem Hintergrund in Mission berührt durch Inhalt und musikalische Virtuosität. Eine Ehrung vollkommen zu Recht.
Tim Lucas
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