15.07.2008 Heidelberg
Nachgefragt: NERVOUS NELLIE
![]() Nervous Nellie |
Nicht wie Ian Curtis.
2005 krachte das rohe und energiegeladene Debüt der Schweden NERVOUS NELLIE mitten ins Herz von Indiehausen. Am 1. August diesen Jahres steht uns der Zweitling „Ego and the ID“ ins Haus, der mit wesentlich sanfteren Tönen aufwartet. Im Rahmen ihres Auftritts im Heidelberger Kult-Club „Zum Teufel“, unterhielt sich unser Mitarbeiter Christian Hautz mit den beiden Brüdern Henrik (Gitarre, Gesang) und Magnus (Gitarre, Piano, Gesang) über „Ego and the ID“, Harmonie unter Geschwistern und die Unmöglichkeit die Beach Boys nicht zu mögen.
REGIOMUSIK: Bands wie Oasis mit den Gallagher Brüdern oder Jesus and Mary Chain mit den Reid Brüdern ziehen einen Teil ihrer Kreativität aus dem Konflikt zwischen den Geschwistern. Nervous Nellie besteht seit dem letzten Album aus zwei Brüderpaaren. Wie wirken sich die Familienbande auf eure Musik aus?
Henrik: Ich bin mir sicher, dass die Familienangelegenheiten sich auf unsere Musik auswirken, aber eher positiv. Mir fällt gerade kein konkretes Beispiel ein, außer dass es bei uns im Vergleich zu den Gallagher Brüdern, bei denen es viel Zwist gibt so ist, dass wir uns gegenseitig viel schneller und effektiver untereinander verständigen können, wenn es um Songideen geht oder einfach darum geht, was der andere im Bezug auf die Musik machen möchte. Ich denke, es geht einfach alles schneller und bei dem neuen Album war der Entstehungsprozess für uns einfacher. Wir haben nicht soviel nachgedacht, sondern gemacht, was sich „natürlich“ angefühlt hat.
Magnus: Und besonders jetzt, da Sebastian bei uns Bass spielt, war die Dynamik sogar noch besser, da es jetzt noch ein Brüderpaar gibt, das sich so gut kennt wie ich und Hendrik uns kennen. Das ist unsere Stärke. Wenn es um kreative Dinge oder die Tour geht, ist es ein Vorteil, den eigenen Bruder um sich zu haben.
Henrik: Aber wir streiten auch manchmal, in Situationen in denen wir nicht streiten würden, wenn es nicht der eigene Bruder wäre.
Magnus: Wir streiten nicht zu ernsthaft, da es sonst jemand unserer Mutter erzählen würde …
REGIOMUSIK: Ihr habt es bereits anklingen lassen. Ihr habt einen neuen Bassisten. Sebastian, der Bruder von Andreas, hat euren alten Bassisten ersetzt. Wie kam es dazu?
Henrik: Er hat eine andere Band, bei denen er zur selben Zeit angefangen hat zu spielen und das hat eine Menge Zeit in Anspruch genommen. Wir haben bereits über die Dynamik unter uns Brüdern gesprochen … er hatte oft andere Vorstellungen und das führte zu Konflikten, wenn es um die Musik ging. Es ging nicht um persönliche Dinge oder unsere Freundschaft. Zusammen entschieden wir, dass es besser für uns alle wäre, wenn jeder musikalisch in die Richtung geht, in die er gehen möchte. Er wollte härtere Musik und wir wollten die Musik softer. Das ist eine klassische Situation. Für beide Seiten, war das die richtige Entscheidung.
Magnus: Wir sind immer noch gute Freunde. Ich ziehe gerade in seine alte Wohnung.
REGIOMUSIK: Das neue Album „Ego and the ID“ ist softer und akzentuierter, wurzelt in der Folk- Musik und im Alternative-Country. Euer Debüt Album „Don’t think feel“ war stark beeinflusst vom Indie-Rock der 90er und Bands wie Dinosaur Jr, den Pixies und Pavement. Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Hendrik: Auf unserem letzten Album waren wir wirklich sehr von den genannten Bands beeinflusst. Wir lieben diese Bands immer noch. Bei „Don’t think feel“ haben wir sehr auf andere Bands geschaut, die wir mögen und waren inspiriert von deren Musik. Wir versuchten wie andere Bands zu klingen und jetzt schreiben wir einfach Songs und machen, was sich „natürlich“ anfühlt. Dieses Album ist das Ergebnis dieses Prozesses.
Magnus: Wir hatten auch Songs, die klangen wie die auf unserem vorherigen Album, aber im Kontext waren sie nicht passend.
Henrik: Viel davon hängt natürlich von unseren Produzenten und den Leuten, die mit dem Aufnahmevorgang zu tun haben, ab. Diese Personen sehen oft Dinge, die wir nicht sehen. Dann sagt jemand: „Oh, das ist gerade gut. Weiter in diese Richtung!“ Das hilft sehr. Sie gießen Öl ins Feuer.
REGIOMUSIK: Gibt es Bands, die euer neues Album beeinflusst haben?
Henrik: Natürlich. Ohne Zweifel waren die Beach Boys ein mehr als großer Einfluss während der Aufnahmen. Wir haben zurückgeschaut. Alle fünf Jahre erinnert man sich an Bands wie die Beach Boys und daran wie gut sie sind.
Magnus: Gerade zu Beginn der Aufnahmen haben wir sehr viel Beach Boys
und The Band gehört.
Henrik: Diese Art von Musik war etwas, das wir ausprobieren wollten. Sicher, das sind große Fußspuren in die wir da treten wollen. Aber wir wollten ein zeitloses Album machen, das man in 15 Jahren immer noch mit Freude hören kann.
Magnus: Diese Bands mag jeder. Man trifft nicht so oft jemanden, der die Beach Boys nicht mag.
Henrik: Wir wollen auf diese Weise Platten verkaufen … das war ein Scherz.
REGIOMUSIK: Fühlt es sich anders an die neuen Songs im Studio und live zu spielen im Vergleich zu euren alten, rockigeren Sachen?
Henrik: Definitiv. Eigentlich sind wir gerade erst wieder auf Tour gegangen. Wir haben längere Zeit nicht live gespielt. Wir mögen in letzter Zeit die alten Sachen wieder mehr, sie kommen wieder zurück zu uns. Zuerst haben sie sich „alt“ angefühlt und waren nicht das, was wir jetzt machen wollen. Wir spielen inzwischen immer mehr alte Songs. Besonders live passen unsere alten und die neuen Songs gut zusammen.
Magnus: Irgendwie besteht eine natürliche Dynamik zwischen den beiden Alben.
Henrik: Wenn man sich die beiden Alben anhört, sind sie völlig unterschiedlich. Aber wenn man die Songs zusammenschmeißt und die Band sie spielt, klingt es natürlich. Am Anfang hat es keinen Spaß gemacht, die alten Songs zu spielen. Jetzt ist es besser, vor allem weil es einfach Spaß macht live zu spielen. Bei Konzerten sieht man die Leute zu den alten Sachen singen und tanzen. Sie kennen die neuen Songs noch nicht. Deshalb spielen wir eher die alten Sachen. Wir spielen aber generell gerne, was die Leute hören wollen.
Magnus: Für uns selbst macht es mehr Spaß die neuen Songs zu spielen, was sicher alle Bands sagen. Da es unser zweites Album ist, haben wir diese Erfahrungen vorher noch nicht gemacht. Wir spielen einfach die neuen Songs, und das Publikum wird sie mögen.
Henrik: Bei unseren Konzerten war es schon so, dass Leute, die unser erstes Album mögen nach der Show zu uns kamen und gesagt haben, sie mögen das neue Album nicht. Das ist in Ordnung. Es ist anders. Wenn sie weiterhin zu unseren Shows kommen ist es gut, wenn nicht, dann haben wir ein Problem.
REGIOMUSIK: Wie waren die Reaktionen bisher generell zu „Ego and the ID“, wenn ihr live spielt?
Henrik: Gut. Besonders zu Hause. Unsere Freunde mögen es mehr als unser erstes Album. Leute die uns kennen, fühlen, dass diese Musik zu uns passt, da sie natürlicher ist. Wir hoffen, das Publikum wird das genauso sehen. Jetzt sind die Songs noch neu, aber bald sind sie alt …
Magnus: Viele Leute gehen einfach zu Rockshows, weil sie eine Band sehen wollen. Diese Leute mögen härtere Musik mehr und …
Henrik: … wollen, dass wir rocken. Das machen wir dann auch.
REGIOMUSIK: Ihr habt nicht nur eine neues Album, sondern gleich auch ein neues Label mit Hazelwood. Euer Debüt habt ihr beim Punk-Label Go Kart Records veröffentlicht. Passt das neue Label besser zu eurer neuen musikalischen Richtung?
Henrik: Ganz klar. Das ist der Hauptgrund, warum wir das Label gewechselt haben. Wir haben gepokert. Wir haben mit Go Kart gesprochen, da wir fühlten, dass wir uns trennen sollten. Das haben wir getan. Wir sind immer noch gute Freunde. Wir sind glücklich.
Wir haben versucht ein Label zu finden, das eher zu dem Alternative-Country-Pop-Ding passt. Wir werden sehen, ob das die richtige Entscheidung war. Bisher fühlt es sich richtig an. Hazelwood hat mehr Erfahrungen mit dieser Art von Musik. Go Kart ist das beste Label für eine Punk Band, aber nicht für eine Country-Pop Band. Wir werden sehen.
Es geht um das Gesamtpaket. Es ist für eine „Pop“-Person einfacher uns zu verstehen. Es ist schwer ein Pop Album zu verkaufen, wenn es neben lauter Punk-Alben veröffentlicht wird. Da geht es einfach leicht verloren. Wir wollen dem neuen Album eine Chance geben. Das ist eine Art neuer Anfang für uns.
REGIOMUSIK: Auf dem neuen Album klingt alles entspannt und harmonisch. Wenn man sich das Booklet anschaut, rennt ihr über Felder und jagt euch gegenseitig, alle grinsen und sind glücklich. Sieht aus als hätte euch das Aufnehmen des Albums viel Spaß gemacht. Einige Bands hassen es im Studio zu sein. Wie ist das bei euch?
Henrik: Ich bin einer von diesen Leuten. Ich bin nicht so gerne im Studio. Ich mag es, wenn das Album im Kasten ist. Nein, ich mag es am liebsten, wenn es fast fertig ist. Wenn man nur noch kleine Extras einfügen muss. Hier ein Geräusch und da noch etwas. Das macht Spaß. Der Anfang der Aufnahmen und zu Singen ist erschreckend. Ich mag den Druck nicht. Aber es ist wahr, dass das erste Album ist, bei dem es besser und entspannter war.
Wir haben keine typischen Rock-Aufnahmen gemacht, bei denen man 24 Stunden im Studio ist und sich dann betrinkt. Wir haben von 9 bis 5 gearbeitet und sind dann nach Hause gegangen. Mit einer Mittagspause um 12. Wie bei einem ganz normalen Job. Dann ist das ganze auch nicht ermüdend. Am nächsten Tag möchte man wieder kommen. Wenn man davon müde wird und nur noch überall Zigaretten sind, dann hasse ich die Studioarbeit.
REGIOMUSIK: Das genaue Gegenteil also zu Brian Wilson und den Beach Boys.
Henrik: Ja. (lacht)
Magnus: Einer unserer Produzenten, Peder Mannerfelt, ist einer meiner besten Freunde. Wir sind zusammen aufgewachsen als Nachbarn. Das war seltsam, aber auch angenehm. Wir waren unter Freunden und es war sehr harmonisch im Studio. Wir hatten viel Spaß dabei. Es war nie zu ernst.
Henrik: So sollte es sein. Die Studioarbeit sollte soviel Spaß wie möglich machen, und die Musik sollte der ernste Part sein.
REGIOMUSIK: Wie wichtig ist Humor für eure Musik?
Henrik: Wir nehmen unsere Musik und das was wir versuchen zu sagen sehr ernst …
Magnus: Es geht darum ehrlich und glaubwürdig zu sein.
Henrik: Wir könnten nicht wie Ian Curtis sein. Das wären dann nicht wir. Ich mag Künstler nicht, die sich selbst zu ernst nehmen. Am Ende geht es doch nur um Musik.
Ich mag am liebsten Musik, die mich traurig macht, aber zur gleichen Zeit ist es okay, wenn man das tut.
Magnus: Einfach die Melancholie genießen …
Henrik: Die Musik kann lustig, traurig, ernst oder dumm sein, aber man kann trotzdem ein netter Mensch sein und Spaß haben, wenn man diese Musik macht.
REGIOMUSIK: Ihr habt „Ego and the ID“ zuerst in Deutschland, der Schweiz und Österreich veröffentlicht. Bisher gibt es kein Veröffentlichungsdatum für eure Heimat Schweden. Wie kommt das?
Henrik: Wir haben uns dazu entschieden dort zu veröffentlichen, wo unser Label ist. Dort kann das Label einfach besser unsere Platte promoten. Aber wir haben auch zu Hazelwood gesagt, dass wir ein Label in Schweden finden müssen, das alles macht. Wir haben bisher noch keins gefunden, das die Zeit hat das zu tun. Schweden ist ein kleines Land mit sehr vielen Bands. Bis Herbst soll das Album in Schweden jedenfalls draußen sein.
Wir wollen es einfach richtig machen und deshalb warten wir.
Das letzte Album haben wir gleichzeitig überall veröffentlicht, und haben dann versucht, soviel wie möglich zu touren. Dieses Mal versuchen wir uns mehr auf jedes Land einzeln zu konzentrieren, und versuchen überall unsere Sache so gut wie möglich zu machen.
REGIOMUSIK: Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Christian Hautz & Anika Meier
Foto: Anika Meier



