10.03.2010 Freiburg
Gesehen: TOCOTRONIC im E-Werk Freiburg
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Gute zehn Jahre mussten die Freiburger warten, bis sich Tocotronic wieder in die süddeutsche Provinz wagten und das dortige Publikum mit einem ihrer Konzerte bescherten. Gestern war es also endlich wieder soweit und so trafen sich zahlreiche Anhänger der mittlerweile vierköpfigen Band im sehr gut gefüllten Freiburger E-Werk, um sich ausgerechnet die Gruppe anzusehen, die mit einem nicht ganz so positiven Song über Freiburg schon vor ettlichen Jahren ihre besondere Verbindung zu dieser Stadt zum Ausdruck brachte. Für die aktuelle Tour nahmen sich Tocotronic das Erscheinen ihres aktuellen Longplayers „Schall und Wahn“ zum Anlass, womit sie sogar erstmals Platz eins der deutschen Albumcharts erklommen haben. Damit bewiesen sie, dass sie sich trotz einer bereits 18 jähriger Bandgeschichte immer noch Raum für eine Steigerung freigehalten haben. Nun sollten Tocotronic seit 1999 zum ersten Mal wieder in Freiburg spielen.
Schon vor Beginn des Supportacts war das E-Werk bis in jede Ecke mit Besuchern wirklich jeder Altersklasse ausgefüllt. Kurz nach 20h betrat dann Sängerin und in diesem Fall Tocotronic Supporterin Dillon unter dem Erklingen elektronischer Sounds die Bühne. Ganz in schwarz gekleidet wirkte sie sehr unscheinbar, wie sie alleine hinter ihrem E-Piano saß und ihre zwar sehr melancholischen, aber dennoch sehr eingängig-poppigen Songs präsentierte. Unterstützt wurde sie zeitenweise am Schlagzeug oder an der Gitarre und ließ ihre Songs mit Samples untermalen, die aus einem silbernen MacBook erschallten, das hell erleuchtet neben Dillon stand. Überzeugen konnte sie vor allem mit einer sehr charakteristischen und angenehmen Gesangsstimme, die sie angeblich nach eigenen Angaben am verlieren war. Sie schlug sich dennoch tapfer und es war nichts dergleichen zu hören. Ein bisschen enttäuschend aber war die Tatsache, dass sich das Freiburger Publikum einfach gar nicht dazu ermuntern lies bei einen ihrer Song mitzusingen. Ein bisschen schüchtern aber sehr sympathisch verabschiedete sie sich dann auch schon und wünschte viel Spaß mit Tocotronic.
Nun ging es ans Warten auf den Hauptact. Da das Licht im Großen Saal des E-Werks die ganze Zeit über gedimmt war und die „Übergangsmusik“ eher im Hintergrund, also weniger aufdringlich lief, wirkte Tocotronics Betreten der Bühne ziemlich überraschend. Bevor sie loslegten wurde das Publikum zuerst mit einem freundlichen „Hallo Freiburg!“ und „Freiburg ist ja bekanntlich das Tor zur Hölle“ begrüßt. Zu Beginn stand „Eure Liebe tötet mich“ auf der Setlist, der Song der auch „Schall und Wahn“ eröffnet. An diesem Abend wurden auch weiterhin zahlreiche Titel von der aktuellen Platte präsentiert oder vielmehr zelebriert. Sänger und Gitarrist Dirk von Lotzow, selbst gebürtiger Offenburger und Ex-Teilzeit-Freiburg-Student, verstand es sich gekonnt mir dem Publikum zu unterhalten und kündigte dabei fast jeden Song an. „Eure Folter endet nie“ wurde beispielsweise mit klarer Selbstironie eingeleitet und „Aber hier leben, nein danke“ beschrieb von Lotzow als Song über die Heimat der Band. Spätestens bei den ersten Akkorden eben dieses Titels wurde auch der letzte im Publikum in den Bann gezogen, sang oder brüllte den Text mit, während gleichzeitig vor allem direkt vor der Bühne auch ausgiebig getanzt wurde. Einer der Höhepunkte dieses Abends war wohl der Zeitpunkt, als Arne Zank das Schlagzeug für den Bandkollegen Rick McPhail räumte, sich das Mikro schnappte und „Bitte gebt mir meinen Verstand zurück“ anstimmte. Wie sehr dieser Auftritt die Freiburger überzeugte wurde nebst Applaus spätestens dann klar, als immer wieder lautstarke „Arne!“ Zurufe seitens des Publikums erschallten. Während Zank und von Lotzow sehr aktiv auf die Freiburger eingingen, standen Gitarrist Rick McPhail und Bassist Jan Müller eher ein bisschen im Hintergrund, was sie wiederum dazu veranlasste die wunderbar abwechslungsreiche Musik in den Vordergrund zu drängen. Tocotronic führten an diesem Abend die große Palette an Klängen vor, die ihr imposantes Repertoire bisher zu bieten hat. Zu hören gab es also schrägen bis aggressiven Gitarrensound, der aber auch häufig in besonders melodische Tonfolgen überging. Bevor die Jungs die Bühne das erste Mal verließen, gab es den eher entspannt und ruhig klingenden Song „Gift“ zu hören, der ebenfalls das aktuelle Album ausklingen lässt. Zweimal ließen sich Tocotronic erneut von tosendem Applaus und „Zugabe“-Rufen auf die Bühne holen. Vier Songs durfte noch gelauscht werden und zum allerletzten Abschied gab es „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ vom Erstlingswerk „Digital ist besser“ zu hören. Trotz der nicht enden wollenden Zurufe aus dem Publikum, es solle doch passenderweise (oder eben unpassenderweise – wie mans nimmt) „Freiburg“ gespielt werde, wurde dezent ignoriert. Vielleicht auch besser so.
Der ganze Auftritt an sich wirkte vielleicht sogar ein bisschen zu perfekt einstudiert (was mit Sicherheit nicht auf das musikalische Können bezogen ist), an manchen Stellen hätte man sich möglicherweise etwas mehr Gefühl gewünscht. Dennoch kann man den Auftritt als gelungen resümieren und hoffen, dass die vier Jungs bald wieder ihren Weg nach Freiburg finden werden. Der Wunsch seitens des Publikum „und ab jetzt jedes Jahr ein Konzert in Freiburg“ wurde dankend abgelehnt, demnach dürfen wir gespannt sein, ob es noch vor 2020 einen weiteren Tocotronic-Auftritt geben wird. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.
Sara Waegner




