03.06.2011 Las Vegas
Panic! At The Disco: Flaschentanz zwischen Talent und Aufgesetztheit
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Es ist das große Wenn und Aber zwischen Sell-Out und kreativer Unabhängigkeit, oder eben Lastern und Tugenden wie auf besagtem dritten Longplayer Vices and Virtues von Panic! At The Disco. Nach dem Abgang von Hauptsongwriter Ryan Ross und Bassist Jon Walker im Jahr 2009, der die Band zum Duo schrumpfen ließ, spielten die verbleibenden Mitglieder mit den Alternative-Rock-Einflüssen von A Fever You Can´t Sweat Out und dem Psychedelic Pop von Pretty.Odd. „Ich fragte mich ständig, ob ich den äußeren Erwartungen an die Band gerecht werden kann, realisierte aber schnell, dass wir uns gar nicht daran messen möchten“, sagt Sänger und Multi-Instrumentalist Brendon Urie. Nichtsdestotrotz ist Vices and Virtues das ‚wahrscheinlichste‘ Panic! At The Disco-Album geworden. Gut, aber ohne Überraschungen.
Urie vergleicht Vices and Virtues mit einer Wiedergeburt, einer neuen Identität, wobei sich das nur in Bezug auf Besetzung und Aufgabenverteilung bestätigen lässt. Musikalisch ist es eher eine Verjüngung, in der Urie und Spencer ein wenig zu sehr mit dem Pop-Kommerz liebäugelten. Mit dem dritten Album gingen sie einen deutlichen Schritt zurück. ‚The Ballad Of Mona Lisa‘ erinnert mehr an ein zweites ‚I Write Sins, Not Tragedies‘, als an eine Weiterentwicklung von dem stark von den Beatles und Kinks inspirierten Zweitling. Während Urie wie auch schon Ross vor ihm auf Metaphern setzt, kommen diese sehr viel kalkulierter und herkömmlicher daher und verschwinden zunehmend im Schatten der geistreichen und fast schon zu unbefangenen Ausdrucksweise des ehemaligen Masterminds − man nehme nur ‚Lying Is The Most Fun A Girl Can Have Without Taking Her Clothes Off‘.
Ein Wagnis gehen Panic! At The Disco derweil woanders ein. Von Beginn an spielte die Band mit theatralischen Elementen wie Kostümen und Film-Symbolik in Videos und Präsentation, was ihnen vor dem Hintergrund ihrer Heimat Las Vegas als durchaus glaubwürdig zugestanden wurde. Auch wenn sie diesen potentiellen Einfluss verneinen, gesteht Urie ihre Vorliebe für Verkleidungen und bezieht sich dabei auf die Absicht, dem Publikum eine atemberaubende visuelle Show bieten zu wollen, die mit einem Soundtrack unterlegt ist. Die Frage ist nur, wie kompromissbereit eine Band aus dem alternativen Rock-Pop-Bereich bezüglich Tanzchoreographien sein sollte, hinterfragt es doch jegliche Ästhetik einer Gitarrenband.
Ein Song mit Weezer´s Rivers Cuomo hätte den rettenden Grashalm aus diesem Dilemma bieten können, kam aber nicht auf die Platte, da er sich zu sehr vom restlichen Material unterscheidet. Dies hätte der Band einiges an Authentizität zurückgeben können, die sie mit den heranwachsenden weiblichen Fanscharen, der Tanzerei und den sexuell aufgeladenen Live-Shows verloren haben.
Die Konsequenz ist ein Dasein, das polarisiert. Einer der bisherigen ‚Höhepunkte‘: Reading Festival 2006. „Bei unserem Auftritt flogen von überall Flaschen und ich rannte über die Bühne, um ihnen auszuweichen, als mich plötzlich eine am Kopf traf und ich k.o. ging“, sagt Urie. Nach kurzer Unterbrechung konnte es aber weitergehen und es wurde „eine der denkwürdigsten Shows“, die Panic! At The Disco je gespielt haben. Spencer betrachtet dieses Verhalten als eine Form des Mobbings: „Diese Leute mögen uns nicht, haben aber auch keine eigenen Bands, da sie nicht sonderlich künstlerisch begabt sind und weil es sie frustriert, nicht an unserer Stelle sein zu können, machen sie einfach das Grausamste, was ihnen in diesem Moment einfällt.“
Mit Sicherheit ist diese Situation in einer Menge von 50.000 Leuten ideal, um sich der Verantwortung zu entziehen. Vielleicht sollten Panic! At The Disco aber auch einfach abseits der Festivallandschaft das tun, was sie am besten können: „Letʼs get these teen hearts beating. Faster, faster.“
Ines Punessen
Panic! at the Disco




