19.08.2008 Brighton/ U.K.
Nachgefragt: THE INDELICATES
Nackt mit Big Mac
![]() THE INDELICATES |
„Aufrichtigkeit ist mir wichtig“, Simon Indelicate weiß, worauf es ihm bei der Musik der INDELICATES ankommt. Zusammen mit seiner kongenialen Partnerin Julia Indelicate schreibt er - abseits der englischen Pophysterie - Songs mit Titeln wie „Waiting for Pete Doherty to die“ oder „If Jeff Buckley had lived“. Der eingängige Indiefolk der Band soll dabei nicht darüber hinwegtäuschen, dass es textlich bei den INDELICATES durchaus zur Sache geht. Auf ihrem Debüt „American Demo“ entwerfen die Beiden mal kritische Berichte zum Zustand der Welt und dann wieder humorvolle Betrachtungen des alltäglichen Wahnsinns. Poetische Sprachgewandtheit trifft auf markante, englische Popmusik, die jeden Anflug von Hype mit Lässigkeit abstreift.
Im Interview mit unserem Mitarbeiter Christian Hautz, im Rahmen ihres Auftritts im Heidelberger Club „Zum Teufel“, stellten sich Simon und Julia als überaus redselige und humorvolle Gesprächspartner heraus, die so einiges über England, Amerika, den britischen Pop und Pressephotos von Bands geradezurücken hatten.
REGIOMUSIK: Auf eurer Platte „American Demo“ habt ihr Jeff Buckley mit „If Jeff Buckley had lived“ einen Song gewidmet. Mögt ihr die Musik von Jeff Buckley?
Julia: Ja! Ich habe seine Musik zum ersten Mal mit 14 gehört. Ich stand auf einen Jungen, der Jeff Buckley mochte. Das war der eigentliche Grund, warum ich Jeff Buckley gehört habe.
REGIOMUSIK: In euren Songs tauchen immer wieder bekannte, tragische Persönlichkeiten wie Pete Doherty und Jeff Buckley auf. Was macht diese Personen so reizvoll?
Simon: Auf unserer Platte gibt es nicht nur moderne Popstars, sondern auch tragische Leute aus den 30er Jahren. Man kann deren Leben sehr einfach in eine Geschichte packen, und deshalb kann man über sie gut Artikel schreiben. So funktioniert Kultur. Es sind wahre Geschichten, aber oft geht auch die wahre Geschichte im Mythos verloren. Kurt Cobain ist das letzte unerwartete Beispiel für einen toten Rockstar. Es war das letzte Mal, das so etwas passiert ist und die Leute davon überrascht waren. Wenn Pete Doherty heute sterben würde, würde das dem Ende seiner Geschichte gerecht werden. Niemand würde das überraschen, es wäre einfach der natürliche nächste Schritt. Widerlich! Deshalb schreiben wir Songs darüber. Jeff Buckley ist eher eine Metapher dafür, wie Religion heutzutage vollzogen wird. Indem mehr und mehr Elemente eines Mythos zusammen kommen, wird daraus irgendwann so etwas wie eine Religion. Über das Leben toter Menschen kann man eine einfache Geschichte erzählen, die ein Ende hat.
REGIOMUSIK: THE INDELICATES haben sich 2005 gegründet. Ihr beide habt euch bei einem Poetry Slam getroffen.
Julia: Wir haben uns bereits ein paar Jahre zuvor bei einem Poetry Slam kennen gelernt. Simon hat gewonnen, Simon hat ziemlich oft gewonnen. Er ist recht gut.
REGIOMUSIK: Ihr habt euch vor eurer Bandgründung mit anderen künstlerischen Tätigkeiten befasst. Simon hat ein Buch geschrieben und du hast als Photographin gearbeitet. Inzwischen liegt euer Fokus mehr auf der Musik. Wie kam das?
Julia: Die Band ist ein guter Schutzmantel, so wie ein Regenschirm.
Simon: Oh, du hast mich an den „Umbrella“-Song erinnert.
Julia: (Singt) Ella ella ella ella. Jetzt hab ich den roten Faden verloren. Mit der Band reisen wir viel. Wenn man es richtig organisiert, kommt man an Orte, an denen man vorher noch nicht war. Gewöhnlich hat man zwei Stunden Zeit, das ist nicht viel, aber immerhin … Viele Bands schauen sich nichts an, sondern besaufen sich einfach nur. Wir geben unser Bestes. Das zweite Mal als wir in Berlin waren, haben wir nachts das Touri-Programm durchgezogen. Wir haben bis ein Uhr nachts gespielt, sind bis morgens um fünf in Berlin rum gelaufen und haben dann unser Flugzeug bestiegen. Wir hätten ansonsten außer unseren Zimmern nichts in Berlin gesehen.
Simon: Deine Antwort hatte nichts mit der Frage zu tun.
Julia: Oh ja, was war die Frage?
REGIOMUSIK: Macht nichts. Habt ihr euch denn heute Heidelberg angesehen?
Julia: Ja sicher. Wir sind gestern hier angekommen, weil wir gestern keinen Gig hatten.
Simon: Wir haben das große Fass gesehen …
Julia: … im Schloss. Die ganzen japanischen Touristen wollten vor dem großen Fass photographiert werden. Amüsant! Wir waren auch in der Altstadt. Heidelberg ist sehr schön. Ein bisschen schöner als Frankfurt, wo wir am Dienstag waren.
Simon: Heidelberg ist viel schöner als Frankfurt.
Julia: Ich habe deine Frage immer noch nicht beantwortet, oder? Was war deine Frage?
REGIOMUSIK: Wie kam es, dass ihr euren Fokus auf die Musik gelegt habt?
Julia: Ach so. Ich bin in Brighton aufgewachsen, und in Brighton spielt fast jeder in einer Band.
Simon: Ich war vorher als Dichter unterwegs und bin aufgetreten. Es ist unmöglich auf diese Weise berühmt zu werden oder genug Geld zu verdienen. Ich dachte, ich könnte es. Als ich festgestellt habe, dass das definitiv unmöglich ist, habe ich mich entschieden es mit der Musik zu versuchen. Wenn ich heute einen Lyrikband veröffentlichen würde, wäre ich nicht irgendein unbekannter Autor aus Brighton, sondern der Typ aus der Band. Ich profitiere also davon. (lacht) Dass ich in einer Band bin, denke ich, ist Grund genug für einen Journalisten mein Buch zu rezensieren.
REGIOMUSIK: Oder du könntest deine Gedichte in eure Lyrics einfließen lassen.
Simon: Stimmt. Als ich damals nur Dichter war, hätte ich sofort gesagt: Nein, das ist eine andere Kunstform. Warum ist es nicht ausreichend ein guter Songtextschreiber zu sein, ohne gleich Dichter zu sein? Heute kümmert mich das nicht mehr so sehr.
REGIOMUSIK: Tritts du noch bei Poetry Slams auf?
Simon: Nein. Ich habe zwar gehört, dass der Slam in Brighton besser geworden ist. Der Slam in Brighton war eine Zeitlang ziemlich schlecht, weshalb ich aufgehört habe hinzugehen. Wie gesagt, ich habe gehört, dass es wieder besser wird. Wenn du mich in einem Monat fragst, nehme ich vielleicht an den Slams wieder teil.
Julia: Bei Poetry Slams aufzutreten ist recht schwierig. Die Leute schreien ständig „Loser“ und ähnliches.
REGIOMUSIK: Wir haben in Heidelberg eine ziemlich bekannte und gut besuchte Poetry Slam Bühne.
Julia: Schreien die da auch: „Hey, das ist Müll!“?
REGIOMUSIK: Vermutlich.
Simon: In New York ist die Poetry Slam Szene ziemlich groß. In England nicht, da kommen höchstens 200 Leute zu einem Slam.
Julia: In Brighton geht es inzwischen gesittet zu. Nach dem Auftritt klatschen die Zuschauer artig und sagen: „Das war nett. Gut gemacht!“ Das verändert die Dynamik bei den Slams. Der Auftritt soll eigentlich eine Herausforderung sein, es sollte schwierig sein, bei den Leuten gut anzukommen. Es ist langweilig aufzutreten, wenn du weißt, dass die Zuschauer dich nach dem Auftritt mit Lob überschütten.
Simon: Meine Freunde versuchen das gerade zu ändern. Nächsten Monat könnte es wieder ganz anders aussehen … Falls du in Brighton bist, geh nächsten Monat zum Slam. Wenn es schlecht ist, ist es nicht meine Schuld.
REGIOMUSIK: Verlass die Band nicht wegen der Slams! Julia, du warst vorher bei den Pipettes, die bekannt sind.
Julia: Sie sind nicht wirklich berühmt, sie wurden gehypt und waren ständig in den Medien. Ein Hype wirkt sich nicht unbedingt auf die Verkaufszahlen einer Platte aus. Ich sage das nicht, weil ich verbittert bin, so ist es eben.
Simon: Sie verkaufen mehr Platten als wir, aber sie verkaufen nicht so viele, dass man sie berühmt nennen könnte.
Julia: Ja, wahrscheinlich. Was war die Frage?
Simon: Warum hast du die Pipettes verlassen? Du hättest erfolgreich und berühmt sein können, wenn du dabei geblieben wärst. (lacht)
Julia: Da gibt es eine Menge Gründe. Ich hab die Band schon vor langer Zeit verlassen, lange bevor der Hype anfing.
Simon: Du hast die Band genau an dem Tag verlassen, als sie den Plattenvertrag unterschrieben hat.
Julia: Ja, stimmt. Ich war nicht zufrieden mit den Dingen, die passierten. Ich wollte kein kleines albernes Mädchen in albernen Kleidchen sein, das alberne Lieder singt. Ich dachte, ich könnte es besser machen und ich wollte was Besseres machen mit der ursprünglichen Idee. Ich wollte wie die Shangri-Las sein, dunkel und rau, Musik eben für das 21. Jahrhundert. Aber so war es nicht. Die Musik war niveaulos, Songs über Jungs … So etwas wurde bereits in den 60ern gemacht. Wo liegt da der Unterschied zu den 60ern? Es gibt keinen, es ist einfach nur langweilig. Ich bin mir sicher, dass es lustig ist darauf zu tanzen, aber nach einer Weile wird es langweilig. Sie haben alle die Universität besucht und sind klug genug, es besser zu wissen.
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Simon: Die Pipettes sind eine Band, in der man nicht spielen möchte, aber für die man Songs schreiben möchte.
Julia: Es hat mir Spaß gemacht, die albernen Popsongs zu schreiben. Irgendwann ging es nur noch um die Kleider, und wir haben hierfür und dafür Reklame gemacht. Ich hab nichts gegen Reklame machen, aber so bin ich nicht, und so sind sie eigentlich auch nicht. Sie sind nicht dumm.
Simon: Keines der ursprünglichen Bandmitglieder ist noch dabei.
REGIOMUSIK: Es dreht sich also alles nur noch um den Style?
Julia: Ja, in die Richtung ging es aber auch schon, als ich gegangen bin. Das ist eine Schande. Es hätte anders laufen können. Wir hätten Songs schreiben können wie Pulp mit drei Mädels als Frontfrauen. Das ist nicht so schwer, aber in dem Punkt waren wir anderer Meinung. Ich bin sehr froh, dass ich die Band verlassen habe. Wenn ich mir heute die Bilder der Band anschaue, denke ich mir: „Oh mein Gott!“ So etwas würde ich nie machen wollen. Sie schauen auf den Bildern wie Mannequins aus, als wären sie tot. So sind sie eigentlich gar nicht, das ist verrückt.
REGIOMUSIK: Ihr seid fünf Leute in der Band, auf den Bandfotos sieht man immer nur euch beide. Seid ihr eigentlich ein Duo?
Simon: Das hat verschiedene Gründe. Julia und ich schreiben zusammen. Das Cover reflektiert, dass wir die Verantwortung für das übernehmen, was wir in den Songs sagen. Wir singen fiese Dinge. Die anderen Musiker sind wichtig für die Live-Show und ein großer Teil davon, aber wir schreiben eben zu zweit. Außerdem ist es einfacher, zwei Leute für ein gutes Coverfoto in Szene zu setzen als fünf. Mit fünf Leuten ist es schwieriger ein interessantes Photo hinzubekommen. Zu fünft müsste man sich irgendwo in die Natur stellen oder gegen eine Mauer lehnen.
Julia: Ich habe viele Pressephotos für Bands gemacht. Nach einem Jahr hatte ich genug davon. Alle britischen Bands wollen in einem grünen Feld photographiert werden und dabei natürlich aussehen. Wenn du ein guter Photograph bist, denkst du dir deinen Teil, aber ich habe mich daran gewöhnt. Pressephotos sollten eigentlich von der Band sein und sollten nicht überladen sein. Man kann gute Pressephotos machen, wenn man eine gute Idee hat.
Simon: Wie die Dresden Dolls zum Beispiel.
Julia: Ja, die Dresden Dolls haben gute Photos, wir haben relativ gute Bilder. Goth Bands sind fantastisch. Die rufen einen an und sagen, dass sie eine Kirche gemietet haben. Wenn man ans Set kommt, haben sie bereits den ganzen Altarraum mit schwarzen Tüchern ausgehängt und sitzen davor. Den Priestern gefällt das nicht, aber es macht Spaß und sieht gut aus. Indie-Bands sind was Pressephotos anbelangt furchtbar.
REGIOMUSIK: Euere Musik bedient sich bei den verschiedensten Stilen, z.B. Indie, Folk, Punk aber auch Klassik. Wie kommt dieser Stilmix zustande?
Julia: Teilweise kommt das durch unseren Livesound, denn alle Bandmitglieder mögen verschiedene Musikrichtungen. Al (Clayton – Rhythmus Gitarre) mag zum Beispiel My Chemical Romance und vieles mehr. Ed (van Beinum – Schlagzeug) und ich kennen uns seit unserer Schulzeit, und haben viel Dance gehört und überhaupt keinen Indie. Ich höre klassische Musik und bin auch klassisch ausgebildet. Simon hört viel Indie und Rock Musik, und Kate (Newberry – Bass) mag Low-Fi Indie. Unsere Musikgeschmäcker sind gemischt, deshalb können wir live auf viel zurückgreifen, und müssen uns nicht auf eine Richtung beschränken.
Simon: Das macht unsere Live-Show spannender.
REGIOMUSIK: Welche Bands haben eure Musik beeinflusst?
Simon: Ich weiß nie, was ich auf diese Frage antworten soll. Ich überlege mir dann immer, was das Coolste ist, was ich sagen könnte und was die Leute wirklich beeindrucken würde. Auf unserem Album ist ein Song von Supertramp beeinflusst, aber das ist überhaupt nicht cool. (lacht) Was immer ich höre, hinterlässt Spuren.
REGIOMUSIK: Simon, du hast ein Buch geschrieben und Julia ist Photographin. Da gibt es doch sicher einiges, was Spuren hinterlässt?
Julia: Ja, wir achten vor allem darauf, was um uns herum passiert. Wir verfolgen die Nachrichten aufmerksam, mögen gute Kunst und wir kennen Leute, die gute Sachen machen. So bekommen wir viel mit, und müssen am Ende keine langweiligen Liebeslieder schreiben.
REGIOMUSIK: Eure Songs pendeln zwischen träumerischen Arrangements wie bei „New art for the people“ und direktem Powerpop wie bei „Our daughters will never be free“.
Simon: Das Demo zu „Our daughters will never be free“ klang übrigens wie ein mittelalterlicher Choral. Julia schrieb den Choral, und wir dachten, dass wir das auf keinen Fall mit auf die Platte nehmen können. Ich hab den Song dann zu Hause in einen Helen Love Song umgewandelt.
REGIOMUSIK: Was macht für euch einen guten Song aus?
Julia: Ein guter Song muss gute Lyrics haben, die etwas bedeuten.
Simon: Ich kann nicht in Worte fassen, was einen guten Song ausmacht, aber ich weiß, was ein guter Song ist, wenn ich einen höre. Ich mag Sachen nicht, die man sich einfach nicht anhören kann. Allerdings können auch Songs, die man sich kaum anhören kann, richtig gute Songs sein. Für jede Regel gibt es eine Ausnahme. Eine meiner Lieblingsbands - The Flesh Happening aus England - schreit zum Beispiel nur und singt überhaupt keine Melodie. Aufrichtigkeit ist mir wichtig, und dass sich die Songs echt anfühlen.
Julia: „Julia, we don’t live in the Sixties“ hat Simon als eine Art Liebeslied für mich geschrieben, da steckt etwas Persönliches dahinter. „Our daughters will never be free“ ist ein Song mit einem Statement, der mich sehr wichtig ist.
Simon: Wie gesagt, Aufrichtigkeit ist mir wichtig. Andererseits schreibt David Bowie unglaubliche Songs, die ein Kunstgriff sind.
REGIOMUSIK: Eure Lyrics sind euch sehr wichtig. Ihr schreibt über Politik, habt aber auch humorvolle Texte. Was ist euch wichtiger: der Text oder die Musik?
Simon: Für mich ehrlich gesagt die Lyrics, denn einen guten Song mit nervigen Texten mag ich nicht so sehr.
Julia: Für mich sind auch die Lyrics wichtiger. Aber nach der Arbeit höre ich mir zum Beispiel gerne System of a Down an, deren Lyrics bedeuten mir nichts, aber die Songs sind trotzdem großartig. Goth-Bands sind großartig. Ich mag Nightwish, weil mir das Drama gefällt.
Simon: Nightwish sind grauenhaft.
Julia: Ja, die Lyrics sind fürchterlich, aber bei denen geht es ja auch um die Performance.
Simon: Fürchterlich! Fürchterlich!
Julia: Ich höre mir deren Musik an, weil sie auf mich wirkt. Die Musik wirkt nicht mental, sondern physisch.
REGIOMUSIK: Die englische Presse reagierte von Anfang an mit höchstem Lob auf die INDELICATES. Fürchtet ihr als der nächste britische Hype wahrgenommen zu werden?
Simon: Nein, das sind wir überhaupt nicht! (lacht)
Julia: Wir wurden in England nicht wirklich gehypt, das sieht von Außen betrachtet nur so aus. Wir bekamen gute Kritiken für das Album …
REGIOMUSIK: Sehr gute Kritiken!
Julia: … aber wir hatten kaum Publicity.
Simon: Wir hatten nicht so viel Presse. Im Artrocker war eine sehr gute Kritik und eine im NME. Statt einem Haufen mittelmäßiger Presse, gab es einige sehr gute Besprechungen unserer Platte. Wir waren dieses Jahr bei South by Southwest, und es war klar, wer dort die großen Hype-Bands aus England sind. Es war auch ganz klar, dass wir keine davon sind. Für mich ist das in Ordnung, denn einige von den Bands sind mittlerweile auf Platz 93 der Charts. Das sind alles Bands, die auf Platz eins mit ihrem Album hätten landen sollen.
Julia: Bei unserem Gig bei South by Southwest war es auch voll, aber es sind nicht notwendigerweise die Leute dort, die anschließend über uns schreiben. Uns kümmert das nicht, wir machen weiter. Ein bisschen Hype wäre lustig, einfach um zu sehen, was dann passiert. (lachend mit verstellter Stimme) „Wir wollen, dass du nackt in diesem Dress mit Hasenohren posierst. Machst du das?“
Simon: „Und iss dabei einen Big Mac.”
Julia: Das würde ich machen, das gäbe lustige Presse. Nackt mit einem Big Mac.
Simon: Ja, das solltest du unbedingt machen! Wir machen das später. Kannst du eine Kamera mitbringen? Ich stelle mir gerade vor, wie du das hier nebenan vor dem Army Barracks machst. (lacht)
Julia: (Singt) I love America. Das gäbe einen Hype!
REGIOMUSIK: Ihr habt einige wichtige Persönlichkeiten auf eurer Seite. Eddie Argos (Art Brut) ist einer eurer Fans.
Simon: Eddie Argos ist auch jemand, der in Deutschland den Hype bekommt, den er vor allem in England verdient hätte. Eddie Argos is meiner Ansicht nach einer der Besten. Art Brut verkaufen in Deutschland viel mehr Platten als in England.
Julia: Wir waren mit Art Brut auf Tour.
Simon: In Amerika läuft es sehr gut für Art Brut, nur in England gehören sie zur zweiten Riege der Indie-Bands. Es läuft gut in England, aber sie sind dort nicht auf dem Level, auf dem sie sein sollten …
Julia: … was seltsam ist. Sie sind momentan die beste Band in England.
Simon: Meine Lieblingsband aus England. Entschuldige, ich habe deine Frage unterbrochen.
REGIOMUSIK: Kein Problem. Euer Album wurde vom ehemaligen Produzenten von My bloody valentine und Primal Scream produziert (Brian O´Shaunessy), und die Singles wurden von illustren Persönlichkeiten wie Les Carter von Carter USM produziert. Wie kamen diese Verbindungen zustande?
Simon: Brian hat ein kleines Studio, damit er nicht machen muss, was ihm die Plattenfirmen sagen. Inzwischen arbeitet er lieber mit kleineren Bands, da gibt es weniger Druck und die Musik muss nicht kommerziell klingen. Und um ehrlich zu sein, er ist nicht so teuer. (lacht) Unsere Plattenfirma wollte nicht soviel Geld ausgeben, deshalb haben wir mit Brian gearbeitet. Er könnte viel mehr verlangen, als er es tut.
Julia: Es scheint ihm Spaß zu machen, was er macht, und es ist großartig mit so jemandem zu arbeiten.
Simon: Les haben wir über Keith (Totp), der uns durch Deutschland fährt und mit Eddie Argos zusammen bei den Art Goblins ist, kennen gelernt. Er hat unsere Single produziert. Ich spiele Gitarre in seiner Band, deshalb gehöre ich zu Carter. Ein bisschen zumindest (lacht).
REGIOMUSIK: Simon, du hast einmal gesagt, dass jede englische Platte klingt wie ein amerikanisches Demo. Eure Platte heißt „American Demo“. In „America“ singt ihr „I’m with America“. Stimmt irgendetwas mit England nicht?
Simon: Ich habe die Nase voll von englischer Musik. Die britische Musik ist wie französisches Essen. Es gab eine Zeit, da wussten die Leute, dass das französische Essen das Beste der Welt ist. Jeder ist in die Läden gerannt, in denen es französisches Essen gab und die französische Küche musste sich keine Mühe geben. Momentan denkt jeder, dass englische Musik gut ist. Man kann als englische Band um die Welt reisen und bekommt überall Gigs, vor allem in Deutschland, die man in England selbst nie bekäme. Und das nur, weil die britischen Bands einen guten Ruf haben. Die meisten Bands geben sich deshalb keine Mühe mehr. Mit dem Titel „American Demo“ wollten wir die Wahrheit sagen. Ich denke, als Band in England sollte man, wenn man dem Karrierepfad folgt, den Durchbruch in Amerika schaffen. Wenn man in England auf einem Indie-Label eine Platte veröffentlicht, ist es ein Demo für Amerika, und man hat die Hoffung einen Vertrag mit einem amerikanischen Label zu bekommen. „American Demo“ ist ein gehässiger und verletzender Titel für ein Album. (lacht) Es ist wahr, wir wollen einen Vertrag mit einem amerikanischen Label.
Julia: Ja, mehr als alles andere wäre es schön in Amerika erfolgreich zu sein. Dann könnten wir in Amerika touren. Wir mögen Amerika sehr gerne. Amerika hat momentan eine junge Geschichte, alles fühlt sich dort frisch an, und man hat den Eindruck, man könne dort alles erreichen oder auch völlig versagen.
REGIOMUSIK: Ist es in der populären Musikbranche überhaupt noch möglich, erfolgreich ambitionierte Musik mit guten Lyrics, Tiefgang und multikulturellem Hintergrund zu machen?
Simon: Wenn es denn so wäre, dass wir ambitionierte Musik mit guten Lyrics machen – das klingt so arrogant, wenn ich das über uns sage -, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht erfolgreich sein sollten. Bands, die ich mag waren erfolgreich in der Vergangenheit. Wenn die Manic Street Preachers eine Single machen können mit dem Titel „If you tolerate this and your children will be next“, die auf Platz 2 in den Charts ging, gibt es keinen Grund, warum einer von unseren Songs nicht in die Charts gehen sollte. Ich glaube nicht, dass Menschen dumm sind und Musik hören wollen, die die niederen Instinkte anspricht. Ich habe nichts gegen solche Art von Musik, aber ich wäre ein Lügner, wenn ich behaupten würde Autos und Mädels interessieren mich mehr, als die Dinge über die wir schreiben. Dem ist nicht so. Ich mag Julia sehr gern (lacht), aber abgesehen davon habe ich kein gutes Auto und ich tanze nicht gern, wenn ich also darüber schreiben würde wie sehr ich Autos und Tanzen mag, hätte das nichts mit mir zu tun.
REGIOMUSIK: Kommen wir zur letzten Frage: was sind eure Pläne für die Zukunft?
Julia: Wir haben drei verschiedene Ideen für unser nächstes Album, von daher ist es sehr wahrscheinlich, dass es ein Konzept Album wird. Es soll ein Kunstwerk werden, die Songs sollen durch irgendetwas miteinander verbunden sein.
Simon: Ich habe Demos, aus denen man ein Album machen könnte. Es könnte ein Konzept Album in Richtung Country-Western werden. Warten wir ab, von welchen Demos wir am schnellsten zwölf beisammen haben.
REGIOMUSIK: Als ich Konzept Album gehört habe, musste ich gleich an Progrock denken.
Julia: Nein. (lacht) Es sollen einzelne Songs sein, die durch ein gemeinsames Thema verbunden sind. Das wird Spaß machen! Man kann viele Dinge machen, wenn man einen Rahmen hat. In einer Woche oder spätestens in den nächsten Monaten werden wir entscheiden, was wir machen und fangen dann gleich an mit der Arbeit.
REGIOMUSIK: Vielen Dank für das unterhaltsame Gespräch!
Interview: Christian Hautz & Anika Meier (Übersetzung)
Photos: Anika Meier



