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12.02.2015  Köln

Interview: Locas in Love aus Köln



Locas in Love

In knapp einer Woche veröffentlicht die Kölner Band Locas in Love ihr neues Album "Use Your Illusion 3&4". Was sich hinter dem Albumtitel verbirgt, wie man reine Instrumental-Songs komponiert und warum Vinyl noch lange nicht tot ist, beantworten uns die Locas im Interview.

 

Jana: Am 20. Februar 2015 ist es soweit. Nach knapp drei Jahren erscheint als Nachfolger der letzten LP „Nein!“ euer neues Album „Use Your Illusion 3&4“. Der Titel kommt bestimmt nicht nur dem geneigten Guns N’ Roses Fan bekannt vor. Wie kam es zu diesem Namen?

 

Locas in Love: Das begann als Scherz: wie wäre es, wenn wir... – und je länger wir ihn mit uns herumtrugen, umso besser wurde er. Zum einen ist es kein programmatischer Titel, der das Album vermeintlich einem Thema unterordnet, so wie „Lemming“ oder „Nein!“, die mehr an bestimmten Assoziationen, Haltungen, Bedeutungen vorgeben. Dann war es eine gute Möglichkeit, diese Doppelalbum-Idee zu einen, so dass klar ist, dass es nicht zwei verschiedene Alben in einem sind, sondern zwei Teile derselben Erzählung. Fast jede Reaktion auf den Albumtitel war Lachen, einfach weil der Gag gut ist. Das fanden wir wirklich schön, also mal mit dem heiligen Ernst stark konzeptioneller, interessanter Albumtitel zu brechen. Die Verbindung zu den Gunnern ist eine, die nicht unbedingt naheliegend ist und das macht es interessanter als z.B. auf John Cale oder Patti Smith anzuspielen, was „cooler“ aber eben auch viel erwartbarer, vorhersehbarer wäre. GnR sind eine Versinnbildlichung von Verschwendung, Großmäuligkeit, Größenwahn, Epochalität, von einem Rockstartypus, den es eigentlich schon zu ihrer Zeit gar nicht mehr wirklich gab. Sich bei ihnen zu bedienen ist auch eine Lektion, die sie uns alle lehrten: Vergeudung, auf den Putz hauen, und im Bezug auf uns als Personen und im Zusammenhang mit unseren bisherigen Platten: mal alle Bescheidenheit bleiben lassen, sich weit aus dem Fenster lehnen. Eine zusätzliche Ebene, die der Titel beinhaltet ist die Idee, dass Use Your Illusion ein Kanon ist, den jeder ständig erweitern könnte, weil diese Serialität durch die Teile 1 und 2 schon angelegt ist. Aber anders als von einem monolithischen Werk den zweiten Teil zu schreiben, ist ein dritter oder vierter ja auch immer ein bisschen... das Sequel, auf das kein Mensch gewartet hat (Der Pate, Zurück in die Zukunft, der weiße Hai...). Dass in dieser Behauptung von großem Epos auch gleichzeitig so etwas kleines, trashiges, fast niedliches mitschwingt, da ist eine gewisse Spannung drin. Und so ließe sich noch viel weiter ausholen und fortsetzen, warum der Titel gut ist. Einfach, weil so wahnsinnig viel drinsteckt, weil es für die meisten Menschen Teil eines geteilten kulturellen Gedächtnisses ist. Das dann einfach zu nehmen und wie bei Appropriation-Art in einen neuen Kontext zu stellen und zu schauen, was passiert, dass ist sehr spannend und sehr witzig.

 

 



Locas in Love

Jana: Wenn ihr das Album inhaltlich und klanglich in nur drei Worten beschreiben solltet, welche wären es?

 

Locas in Love: Das ist fast zu leicht: USE YOUR ILLUSION. Natürlich.

 

Jana: Es handelt sich ja um ein Doppel-Album. Die eine Hälfte bzw. CD sind Songs mit Gesang, die anderen elft Tracks reine Instrumentale. Worin liegt für euch der Unterschied zwischen einem Stück mit oder ohne Text? (Neben dem offensichtlichen natürlich) Geht ihr bereits bei der Komposition anders an den Song heran?

 

Locas in Love: Gute Frage! Was das Komponieren angeht: Wir mussten die Art, wie wir Musik machen, zumindest ein wenig neu erfinden, weil die strukturgebenden Elemente Stimme, Strophe, Refrain wegfielen, an denen wir uns sonst orientieren. Beim Aufnehmen war nahezu alles improvisiert und entsprang einer ganz direkten und moment-haften Kommunikation: sich anschauen, sich zunicken oder mit dem Körper anzeigen, leiser, lauter, schneller, langsamer zu werden. Es gibt nicht das eine, bestimmende Element, was in Popsongs meistens die Stimme ist, denen sich die anderen Elemente unterordnen. Insofern ist es ein weniger hierarchisches Musizieren, bei dem andere Wege gefunden werden mussten, auch ohne Stimmen eine spannende Geschichte zu erzählen. Der wesentliche Unterschied ist aber einer, der mit der Wahrnehmung der Musik zu tun hat. Wenn gesungen wird, steht die Stimme automatisch im Vordergrund und ist das erste worauf gehört wird, einfach weil unsere menschlichen Gehirne so funktionieren. Und dann beginnen wir, Wörter zu hören und über diese nachzudenken, das ist aber eben per Definition ein geistiger, intellektueller Prozess. Das durch den Song ausgelöste Gefühl ist also eines, das letztlich im Gehirn entsteht. Aber Sprache ist wahnsinnig limitiert. Jemand, der sehr gut schreiben kann, kann vielleicht treffend beschreiben, wie ein E-Akkord klingt oder wie es ist von einem grellen Licht geblendet zu werden. Wenn nun jemand einen E-Akkord anschlägt, hört ihr beide dasselbe, ohne Erklärungen, Worte, Deutungsspielraum, ohne Ambivalenzen, wenn dich jemand mit einem grellen Licht blendet ist da auch nichts zu verstehen: es ist einfach. Es ist ein Affekt, etwas, das unvermittelt auf den Körper wirkt. Musik von Sprache zu befreien bedeutet deshalb für uns, eine Musik zu machen, die nicht verstanden, sondern nur gehört werden kann. Gebrauchs-Musik, Wirkungsmusik.

 

Jana: Ich durfte bereits die CD in Händen halten und bin vom Cover und der gesamten Aufmachung ziemlich begeistert. Stefanie hat den Hund gezeichnet und den Dinobot entworfen. Bringt sich der Rest von euch auch in gestalterische Elemente ein?

 

Locas in Love: Nein, nicht sehr. Wir äußern manchmal kleine Wünsche, aus denen dann evtl. etwas entsteht, also z.B. etwas wie „kannst du mal einen Orca malen oder eine Krake?“ Aber wir lieben es, von ihr überrascht zu werden und es ist jedes Mal ein toller Moment, wenn Stefanie sich eine Zeit lang zurückzieht und dann mit ersten Skizzen ankommt. Es war schon häufiger so, dass wir begeistert von Entwürfen waren, die sie bereits aussortiert hatte: ihre „automatischen Bilder“ aus dem Lemming-Booklet fand ich seinerzeit im Abfall und konnte nicht fassen, was für einen Schatz ich im Altpapier gehoben habe. Der Whippet auf dem Cover war erst Teil einer Hunde-Pyramide und ich fragte Stefanie, ob sie ihn mal solo zeigen könnte, was durch diese feingliedrige Zeichentechnik in schwarz auf dem weißen Untergrund dann unheimlich gut kam. Aber mehr als Impulsgeber sind wir nicht, das ist ihr Bereich wie z.B. die Tontechnik/Produktion Niklas’ Bereich ist.

 

Jana: „Use Your Illusion 3&4“ erscheint über Warner Music. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Major? Beeinflusst euch dieser Hintergrund in irgendeiner Weise?

 

Locas in Love: Da gibt es gar nicht so viel Spektakuläres zu erzählen: der Warner-A&R, der uns unter Vertrag nahm, findet unsere Musik gut. Er war es ursprünglich auch, der uns 2011 mit Maurice Summen und Staatsakt verkuppelt hat. Unser Vertrag mit Warner war von seiner Seite ein Deal, den er nicht so sehr mit Dollarzeichen in den Augen abgeschlossen hat, sondern eher als Musikfan. Es wäre natürlich großartig, seine Experimentierfreude mit irren Verkaufszahlen zu belohnen, weil er uns nie reinredete oder irgendetwas von uns verlangte, aber mal sehen, was passiert, denn am Ende des Tages ist es ja doch auch sperrige, eigenartige Musik und (leider) nicht der Sound, der viel im Radio läuft. Die Zeiten, wo es einen wirklich gravierenden Unterschied zwischen Indie- und Majorlabel gab, sind mehr oder weniger vorbei. Ein gutes Label kann als Umfeld vieles erleichtern, aber das hängt an einzelnen Leuten und weniger an einer Label-Struktur und ihrer Größe. Bei Staatsakt ist das Maurice, der am laufenden Band gute Ideen hat, um mit seinen Künstlern originelle Sachen zu machen, womit er auffängt, dass er finanziell limitierter ist als ein Majorlabel. Im Umkehrschluss ist ein Majorlabel nicht automatisch ein gutes Umfeld, nur weil dort das Geld vielleicht etwas lockerer sitzt. Jedes Label ist eine Bank, die kleinere oder größere Kredite vergibt; was den entscheidenden Unterschied macht ist, mit wem man dort zu tun hat und wie gut man mit diesen Leuten arbeiten kann, ob sie mit Leidenschaft dabei sind und gute Ideen haben.

 

 



Jana: Euer Album „Use Your Illusion 3&4“ wird es auch auf Vinyl geben. Habt ihr eine besondere Verbundenheit mit dem Format und war es schwer die 12 Inch bei den oberen Instanzen durchzusetzen?

 

Locas in Love: Seit 2002 erschien eigentlich jede unserer Platten auf Vinyl, das einzig neue war diesmal dieses limitierte Box-Set, was in der Tat ein ziemliches Spezial- und Liebhaber-Format ist. Durchzusetzen gab es da nichts, zumal Locas-Vinyl kein reines Vanity-Project ist, sondern wir vergleichsweise gut auf Vinyl verkaufen. Es war eben sehr viel Arbeit, jede Box einzeln zusammenzustellen, zu bedrucken usw. Aber klar, natürlich mögen wir Vinyl gerne, es ist nach wie vor klanglich, optisch und als Objekt die schönste Art, Musik zu hören oder zu sammeln.

 

Jana: Welche Platten laufen bei euch aktuell?

 

Reissues (Neuauflagen) von Horrorfilm-Soundtracks auf dem „Death Waltz“-Label.

 

Jana: Besten Dank für Eure Zeit. Die letzten Worte gehören euch ...

 

Locas sagen: Vielen Dank fürs Fragen bzw. Lesen. Viele Grüße aus Köln, bis bald.

 

Jana

 

 








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